Mit Eignung und Neigung zu Spitzenleistung

Interview mit Prof. em. Dr. Walter Perrig

Die Teilnehmenden der Fachtagung Brunnen 2014 kennen Prof. Perrig von seinem Referat zur Rolle von Begabung, Motivation und Fleiss für die eigene Leistungsfähigkeit. Im nachfolgenden Interview erklärt Prof. Perrig was es braucht, um Höchstleistungen zu erbringen und welchen Einfluss Begabungen und Fleiss haben.

Prof. Dr. Walter Perrig

ist emeritierter Ordinarius für Allgemeine Psychologie und Neuropsychologie der Universität Bern mit Forschungsschwerpunkten in der Lern- und Gedächtnispsychologie.

ZV Info: Was sind Begabung und Talent und wie wichtig sind sie, um eine Tätigkeit zu erlernen und allenfalls sogar Spitzenleistung erbringen zu können?

Prof. Walter Perrig: Wir sprechen von Begabung oder Talent, wenn es sich um angeborene Voraussetzungen handelt, die ein Individuum mitbringt.

Wir Menschen unterscheiden uns in vielen basalen, angeborenen und spezialisierten Gehirnfunktionen, welche komplexen Fähigkeiten und Fertigkeiten zugrunde liegen und damit mitverantwortlich sind für die Herausbildung von Spitzenleistungen in verschiedenen Bereichen. Das heisst, wir sind dann für das Erlernen gewisser Tätigkeiten besser oder schlechter geeignet.

Welche weiteren Faktoren ermöglichen ausserordentliche Leistungen, wenn nicht nur Begabung oder Talent?

Begabungen allein führen in keinem Bereich schon von sich aus zu ausserordentlichen Meisterleistungen. In jedem Fall verlangt die Herausbildung eines hohen Leistungsvermögens intensives und langjähriges Lernen und Üben. Dies ist in der Regel auch mit grosser Anstrengung verbunden. Dazu braucht es auch Anreize oder Anforderungen von aussen. Und man muss auch motiviert sein, den Willen dazu haben und den Aufwand nicht scheuen. Das heisst, neben den Anforderungen der Erziehungs- und Sozialisierungsprozesse und neben der Eignung braucht es auch eine Neigung dazu, exzellente herausragende Leistungen zu erbringen.

Sind solche Neigungen angeboren oder können alle Menschen trotz unterschiedlicher Begabung alle Tätigkeiten bis zu einem hohen professionellen Niveau erlernen?

Tatsächlich kommen Studien, die ausserordentliche Expertenleistungen untersuchen, zum Schluss, dass schlussendlich die aufgewendeten Trainingsstunden den Erfolg am besten voraussagen und Begabungen eine untergeordnete Rolle spielen. Faustregeln sprechen von 10 Jahren oder 10 000 Stunden Training, die nötig sind um Spitzenleistungen zu erbringen. Daraus könnte man folgern, dass jeder Mensch praktisch alles erreichen kann, wenn er nur den nötigen Fleiss und Aufwand erbringt. Diesen pädagogischen Optimismus unterstütze ich, betone aber immer, dass da noch etwas dazu kommt. Man muss sich die Frage stellen, warum die eine Person bereit ist, soviel zu trainieren und die andere nicht. Die Antwort liefert ein mächtiges grundlegendes Funktionsprinzip: Menschen bevorzugen die Tätigkeiten, die ihnen leicht fallen. Wer nun für eine Tätigkeit begabter ist, dem fällt diese leichter und er hat deshalb auch eine grössere Neigung, diese zu wiederholen. Die Wiederholung erleichtert die Tätigkeit zusätzlich und verstärkt die Freude daran, was zu einem sehr effizienten Verstärkungskreislauf führt. Leistungsstärke und Freude und Spass schaukeln sich so gegenseitig hoch. Das heisst auch, die Eignung und die Neigung sind in denselben basalen Gehirnfunktionen angelegt, was auch die Basis der sogenannten intrinsischen Motivation, nämlich Freude und Spass an der Leistung selbst, darstellt.

Wie kann dann die eigene Leistungsfähigkeit am besten gesteigert werden, und auf was muss beim Training besonders achten?

Unabhängig von der Begabung und dem Spass an der Tätigkeit müssen alle Leute, die sich verbessern wollen, die Komfortzone verlassen. Das heisst, man muss auch weitermachen, wenn es nicht einfach ist. So reicht es nicht, dass man eine Tätigkeit einfach ausübt. Einfach stundenlang Geige spielen macht noch niemanden zu einem Virtuosen. Wirkungsvoll trainieren heisst, sich klare Ziele setzen, um etwas zu erreichen, das man noch nicht kann, und dran bleiben, bis das Ziel erreicht ist.

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