Hotspot Hafen

Blick über die Grenze: Öffentlicher Dienst im Zoll Bremerhaven

Bremerhaven hat nur knapp 114 000 Einwohner, ist aber der viertgrösste Containerhafen Europas. Und ist neben Hamburg jene Stadt, über die das meiste Kokain aus Südamerika auf dem Seeweg nach Deutschland und damit aufs europäische Festland gelangt. Die Kolleginnen und Kollegen vom Zoll haben an diesem Hotspot alle Hände voll zu tun mit dem Kampf gegen den Schmuggel. Nicht nur Drogen gilt es aus dem Verkehr zu ziehen. Auch Waffen, Alkohol, Zigaretten, Plagiate und andere verbotene Waren – manchmal sogar Panzer – sollen hier heimlich über die Grenze geschafft werden. Mit Kontrollen rund um die Uhr halten die Beamtinnen und Beamten dagegen.

«Wirst du wohl!» «Jetzt komm schon, du Miststück!» «Verdammt! Hol mal den Vorschlaghammer!» Der Ton an diesem Donnerstagmorgen im Containerterminal Bremerhaven ist so rau wie das Wetter. Drei junge Männer mühen sich mit dem «Miststück» ab: eine Containertür, die nicht aufgehen will – «verzogen, verkantet, verrostet, irgendwas ist immer». Aber die Zöllner David Sander, Tom Schulz und Tino Tschöpe müssen das Transportgut kontrollieren. Steht auf ihrer Liste, die im eiskalten Wind flattert und vom steten Nieselregen langsam, aber sicher weich wird. Schon kracht der Vorschlaghammer gegen den Stahl. Nach drei beherzten Hieben öffnet auch dieser Container die Türen: «Lachs», bestätigt David Sander und rümpft vielsagend die Nase. Sein Atem dampft, es ist ein Tiefkühlcontainer. Wirklich nur Lachs? Auf einer Leiter stehend, leuchtet Sander mit der Stirnlampe an seinem Helm den Innenraum aus, versucht, Unregelmässigkeiten in der Packstruktur zu en decken – Lücken oder Hohlräume, in denen sich etwa Taschen mit Schmugglerware verstecken könnten. Aber dieser Stahlkasten scheint «sauber» zu sein, befinden die Kontrolleure und verschliessen die störrische Tür mit vereinten Kräften und neuer Plombe.

Sind wirklich Drogen im Spiel, finden die Zöllner die «Lieferung» recht schnell, denn die Methode der Wahl ist derzeit das sogenannte «Rip-off-Schmuggeln»: Taschen mit Drogen oder anderem Schmuggelgut werden im Inneren des Containers nahe der Tür abgestellt. «Vorteil hierbei ist der schnelle Zugriff durch die jeweilige Kontaktperson», erklärt Tim Spreckelsen, der im für Kontrollen zuständigen Sachgebiet C beim Hauptzollamt Bremen den Kontrollraum 2 – Bremerhaven – leitet. Der Abholer muss den Container nur noch kurz öffnen und sich die Tasche greifen – «weg ist er!» Oft liege in der Tasche mit den Drogen auch schon eine gefälschte Plombe, die dann anstelle der geknackten angebracht wird – eine spurenlose Sache.

Geräuschvolles Rumpeln an der Rückseite des Lachscontainers weist den Weg zum zweiten Team der Kontrolleinheit: Dort schraubt Zöllner Hauke Roes, ebenfalls in luftiger Arbeitshöhe auf einer Leiter, gerade die Klappe ab, hinter der die Kühlanlage des Stahlkastens verstaut ist. «In den Hohlräumen werden auch gerne Päckchen mit Kokain versteckt», weiss Roes, diesmal wird er jedoch nicht fündig, gibt er seinen Kollegen Henning Melzer und Florian Lange zu Protokoll. Schnell die Schrauben mit dem Akkugerät wieder reindrehen, runter von der Leiter, auf zum nächsten Kontrollobjekt.

Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche

Rund um die Uhr arbeitet der Zoll in Bremerhaven, im Drei-Schicht-System an sieben Tagen die Woche, und trotzdem scheint der Berg von Containern, die es zu kontrollieren gilt, schier unüberwindbar. Fast fünf Kilometer misst die Kaje des Containerterminals, jährlich legen hier am längsten Stromkai der Welt mehr als 3000 Grosscontainerschiffe an, im vergangenen Jahr wurden insgesamt rund 61 Millionen Tonnen Seegüter umgeschlagen – in über fünf Millionen Standardcontainern. Viele davon bleiben nur wenige Stunden, bis sie weiterverschifft oder mit Bahn und Lkw abtransportiert werden. Maximal 50 Containerkontrollen schaffen die Zöllner im Kontrollraum von Tim Spreckelsen pro Schicht. Welche Container sich die Kolleginnen und Kollegen vornehmen, legt Kontrolleinheit 24 fest: das Team «Risikobewertung».

Risikoorientierte Auswahl von Objekten

«Spürnase, Erfahrung, Bauchgefühl», benennt Teamleiter Tobias Rein die Eigenschaften, die er und seine Kollegen an den Tag legen, um einzuschätzen, wie hoch das Risiko eines Schmuggels bei bestimmten Containern ist. Die Parameter, die sie dabei anlegen, sind, na klar, «geheim». Aber es liege natürlich nahe, dass Herkunftsland, Fracht und Route eine gewisse Rolle spielten. Obst aus Südamerika? Rein lächelt – und schweigt. Die Container, die die Bewerter als risikobehaftet identifiziert haben, werden von den riesigen Stapelwagen, den Van Carriern der Terminalbetreiber, auf eine Kontrollfläche im Freihafen gebracht und sind so lange gesperrt, bis sie kontrolliert und wieder freigegeben werden. «Wir bemühen uns natürlich, die Kontrollen binnen weniger Stunden über die Bühne zu bringen», sagt Tim Spreckelsen, man könne und wolle schließlich nicht den ganzen Betrieb lahmlegen. Gleichzeitig sind sich die Bremerhavener Zöllner darüber im Klaren, dass ihre Kontrollen nur ein Tropfen auf den heissen Stein sein können. Zwar ist die Suche nach Drogen hier seit drei Jahren ein Schwerpunkt der Zollkontrollen, und das Team an der Waterkant erhält zusätzliche Kräfte von anderen Dienststellen zur Unterstützung. «Aber wir können nicht überall sein», räumt Spreckelsen unumwunden ein. Aus den südamerikanischen Ländern, in denen der für die Herstellung von Kokain genutzte Anbau der Kokapflanze im grossen Stil betrieben wird – Kolumbien, Bolivien, Peru –, kommen allein in Bremerhaven jährlich mehrere Hunderttausend Container an. Zahlen des Bundeskriminalamts belegen, dass der Rauschgifthandel in Deutschland ein neues Rekordniveau erreicht hat – vor allem die Kokainmenge nimmt deutlich zu. «Das zeigt uns, dass der Drogenfluss nahezu ungebrochen ist», stellt Spreckelsen nüchtern fest. Immer wieder entdecken er und seine Teams denn auch die Spuren von Drogenkurieren rund um den Freihafen. Entlang des Sicherungszauns finden sich regelmässig Steigeisen, Leitern, rübergeworfene und geleerte Taschen, gelöste Schrauben und Gitter – «hier geht laufend was durch», wissen die Zöllner. Im vergangenen Jahr wurde mit acht Tonnen ein Rekordwert an Kokain in Deutschland sichergestellt. Dabei gehen Experten der Stiftung Wissenschaft und Politik davon aus, dass das von den Behörden sichergestellte Kokain nur etwa acht bis neun Prozent vom Gesamtvolumen ausmacht. «Da kann man sich ungefähr vorstellen, von welchem Ausmass wir sprechen», erklärt Spreckelsen. Insofern sei die tägliche Arbeit im Hafen eine Art «Katz-und-Maus-Spiel. Wir müssen einfach schneller sein als die Täter.» Ein oft frustrierendes Unterfangen. Das wissen die jungen Zollbeamten, die sich bei nasskaltem Wetter weiter von Container zu Container stemmen, schrauben und schauen, nur allzu gut. «Hunderte, Tausende machen wir manchmal hintereinander auf, ohne was zu finden», erzählt Zöllner Hauke Roes. «Das ist ein Extremjob, keine Frage. Acht Stunden Kontrollen am Stück, bei Wind und Wetter …» Aber wenn dann doch irgendwann wieder «was drin» ist, «dann ist das Adrenalin voll da und reisst alle mit», weiss der junge Mann. So wie vor einem Jahr, als die Bremerhavener Zöllner den spektakulären Fund von 1,1 Tonnen Kokain machten. Versteckt in einem Stapel Rigipsplatten, sollten die Containerdrogen aus Kolumbien nach Spanien gehen – Verkaufswert: 150 Millionen Euro. «Das war schon ein Ding», erinnert sich Spreckelsen und weiss um die Motivation, die solche Funde, aber auch die vielen kleineren, bringen: «Sowas trägt das Team dann wieder Monate, das gibt Durchhaltevermögen, davon zehren die Kolleginnen und Kollegen noch lange.» Auch in diesem Jahr waren Bremerhavens Zöllner schon erfolgreich, vier Funde mit mehreren hundert Kilo Kokain stehen auf der Habenliste.

Gasalarm und «was für’n Schrott!»

Mittlerweile hat die Kontrolleinheit die Kühlcontainer abgearbeitet und nimmt sich nun die ungekühlten vor. Hundeführerin Hilke Hinrichs ist dazugekommen, Spürnase «Nanni» schläft friedlich in ihrer Transportbox im Wagen. «Noch», lacht Hilke Hinrichs, «wenn ich sie gleich hole, wird die schlagartig hellwach und freut sich, das ist ihr erster Einsatz heute.» Doch Nanni muss sich noch gedulden. Denn der Test, den Kollege Roes mit dem Gasdetektor macht, bevor der Container geöffnet werden darf, ist auffällig – knallrot leuchtet die Anzeige des Geräts. «Nichts Ungewöhnliches, das haben wir oft», beruhigt Roes. So würden insbesondere Obstcontainer vor der Überfahrt mit Insektenschutzmitteln imprägniert, technisches Gerät dünste oft aus während der langen Reise.

In diesem Fall, das zeigt sich, nachdem Roes’ Kollegen die Türen des Containers geöffnet haben und dann schnell zurückgetreten sind, handelt es sich um Ausgasungen der Fahrzeuge, die hier geladen wurden. «Was für’n Schrott!», entfährt es einem der Zöllner spontan angesichts der waghalsigen Stapeltechnik, mit der der Absender dieses Containers gepackt hat: Ein demolierter SUV hängt schräg im Laderaum, die Vorderfront schwebt frei über zwei darunter abgestellten Motorrädern. Während der Container auslüftet, freuen sich die Zöllner mal wieder über ihren Gasdetektor. «So was gab’s früher nicht», erinnert sich Spreckelsen, «da sind Kollegen öfter ernsthaft erkrankt, weil man viele Gase nicht riechen kann und dann einfach direkt in die Container rein ist, ohne was von der Gefahr zu ahnen, die da lauert.» Nach einer Viertelstunde, in der sich das Team schon mal den nächsten Stahlriesen vorgeknöpft hat (ohne Befund), kann die Kontrolle erfolgen. Vorsichtig leuchten die Zöllner den Schrottplatz im Container aus. Zollhündin Nanni darf nicht weit hinein, nur im vorderen Bereich schnüffelt sie kurz ohne irgendwelche Fundanzeichen. «Weiter rein lasse ich sie nicht», sagt Hilke Hinrichs und schüttelt den Kopf. Eigensicherung geht vor, auch beim Diensthund. In solchen Fällen, ebenso bei stark gegasten Containern, die die Kontrollbeamten wegen der Gesundheitsgefahr nicht betreten sollten, berät das Team, ob der betreffende Container noch von der Röntgenanlage des Zolls durchleuchtet werden soll. In diesem Fall nicht. Und schon macht sich die Schäferhündin Nanni über die nächste Ladung her: ein Container voller Rum aus Cuba. «Na, das riecht doch schon angenehmer», scherzen die Zöllner. Doch auch das Hochprozentige weckt bei Nanni kein gesondertes Interesse, sodass die Vierbeinerin und ihr Team weiterziehen, von Container zu Container, weiter und immer weiter …

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