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Fachtagung Brunnen 2019

«…. und was dir ist, darüber können wir reden.» Für eine generationengerechte Altersvorsorge

Sie betrifft uns alle, die berufliche Altersvorsorge und damit auch die vielfältigen Reformvorschläge, die aktuell zur Debatte stehen. Dass eine Reform der 2. Säule (BVG) dringlich nötig ist, ist unbestritten. Wie das aber geschehen soll, da scheiden sich die Geister. Josef Bachmann, pensionierter Pensionskassen-Geschäftsführer PwC und Hauptinitiator der Volksinitiative «Vorsorge Ja – aber fair» stellte in seinem Referat ebendiese Lösungsvorschläge zur Erneuerung der Altersvorsorge vor.

Ein kurzer Exkurs in die Theorie verdeutlichte nochmals das 3-Säulen-Prinzip der Schweizer Altersvorsorge mit AVH, BVG und 3. Säule. Zur Erläuterung der Problematik strich Bachmann heraus, dass die AHV auf dem Umlageverfahren basiert, wobei die Berufstätigen jeweils solidarisch für die Rentner zahlen, während die 2. Säule auf dem Kapitaldeckungsverfahren fusst, bei dem alle für sich selber sparen. Auch die 3. Säule funktioniert nach dem Kapitaldeckungsverfahren, hier sparen alle ausschliesslich für sich selbst. Die 1. und 2. Säule ergänzen sich in der Theorie sehr schön – allerdings nicht in der Praxis, so Bachmann. Denn durch die demografische Entwicklung kommt es in der 2. Säule zu einer zunehmend ungerechten Umverteilung.

Herausforderungen

Bachmann ist überzeugt, dass eine Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen notwendig ist und dass eine Reform ohne die Mitbeteiligung der Rentner nicht gelingen kann. Die eigentliche Herausforderung ist der Umwandlungssatz, der massgebend für die Rentenhöhe ist. Zwei Rechenbeispiele illustrieren, wie stark die steigende Lebenserwartung bzw. das persönliche längere Leben die Rente aus der 2. Säule mindert – bei einer Lebenserwartung von 20 Jahren um 20 Prozent, bei weiteren Jahren bis hin zum Verlust. Die aktuelle Zinsentwicklung verstärkt diese Entwicklung noch markant.

Der 2. Säule ist ein massgebender Systemfehler inne und das ist der Umwandlungssatz. Denn seine Höhe beruht direkt auf der angenommenen Lebenserwartung. Doch weder sie noch die zukünftigen Anlagerenditen sind voraussehbar. Das heisst, er ist immer falsch. Die auf 30 Jahre versprochene Leistungsgarantie führt aktuell dazu, dass das Kapital knapp wird – und darum braucht es heute eine  Umverteilung, so Bachmann. «Wenn wir jetzt nichts machen, kommen wir in Schieflage.»

Faire Lösung

Nach heutigem Standardansatz zahlen die Aktiven immer mehr. So ist das System zwar im Gleichgewicht, aber für die Aktiven wird es immer teurer. Das Problem ist bei gleichbleibenden Pensionsalter und steigender Lebenserwartung weder mathematisch noch biologisch zu lösen. Aus Sicht von Bachmann ist die einzig mögliche und faire Lösung, den Drehpunkt, also Rentenalter 65, zu verschieben, sodass Aktive bis ins Alter von 70 Jahren zur Lösung beitragen. Bis zum Erreichen der Lösung benötigt es allerdings Raum. Was es jetzt braucht, ist einer Erneuerung auf drei Beinen:

  • Mehr Sparkapital
  • Frei wählbares Rücktrittsalter (1. und 2. Säule)
  • Flexibilisierung der Renten (kaufkraftorientiert statt fix)

Damit diese Lösung funktioniert, braucht es allerdings einige Voraussetzungen. So darf ein höheres Sparkapital lediglich eine Ergänzung sein. Das Rücktrittsalter müsste frei wählbar sein; dies wiederum bedingt, dass Arbeitgeber auch über 65-Jährigen einen Arbeitsplatz bieten und Arbeitnehmer ihrerseits attraktiv bleiben, indem sie sich weiterbilden und/oder einen tieferen Lohn akzeptieren. Es braucht also letztlich einen fairen Deal zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, eine Win-Win-Lösung. Dann wäre es auch möglich, einen passenden Umwandlungssatz zu jedem Rücktrittsalter festzulegen, und der Versicherte könnte entscheiden, ob er mehr Zeit oder Geld haben möchte.

Fixe Renten sind dann vorteilhaft, wenn es keine oder nur eine geringe Teuerung gibt. Dies war zur Zeit der Einführung des BVG denn auch der Fall. Der Ansatz der Initiative sieht vor, die fixen Altersrenten zu verkleinern (auf ca. 90 Prozent) und gleichzeitig um einen flexiblen Bonusteil zu ergänzen, der über ein prozentuales Ventil gesteuert wird. Mit dieser Flexibilisierung könnte einerseits der Teuerung und andererseits der Umverteilung Rechnung getragen werden.

Bachmann hat seinen Lösungsvorschlag mit Modellberechnungen unter vorsichtigen, zuversichtlichen und euphorischen Annahmen geprüft – die Berechnungen gaben ihm Recht. Treibend hinter der Initiative «Vorsorge JA – aber fair» ist das Anliegen, die Umverteilung zu reduzieren und gerechter aufzuteilen. Oder in den Worten Bachmanns: Das ist die Perle der Demokratie. Und es wäre ein Geschenk von Senioren an die Jüngeren.

Mögliche Ansätze für eine flexiblere 2. Säule

Ein anderer Ansatz zu Flexibiliserung – und damit ein Beitrag zu einer Reform der 2. Säule – präsentierte Dr. Oliver Dichter, Senior Investment Consultant bei der PPCmetrics AG. Gleich zu Beginn stellte er in den Raum, dass bestehende Renten nicht mehr angepasst werden können. «Wir müssen jetzt reagieren, damit nicht zu hohe Renten versprochen werden, die nicht bezahlt werden können.»

Das Grundproblem der 2. Säule verortet er in der Anlageform und ihren Renditen. Was zu Beginn der 1990er-Jahre möglich war, nämlich eine Rendite in der Höhe des technischen Zinssatzes von 4 Prozent (zuzüglich Verwaltungskosten und Rückstellungen für die zunehmende Lebenserwartung) risikolos mit Bundesanleihen zu erzielen, ist heute nur noch Wunschdenken. Weil Investitionen in Bundesanleihen keine Zinsen mehr generieren und folglich nicht mehr möglich sind, gingen den Pensionskassen mit Sicherheit 10 Prozent an Kapital verloren. Stattdessen sind risikoreiche Anlagen nötig geworden. So wäre heute ein Aktienteil von 80 Prozent nötig, um die aktuellen Leistungsversprechen an die Rentner ohne Umverteilung finanzieren zu können. Das wäre eine äusserst unsichere Finanzierung, welche die Risikofähigkeit der meisten Pensionskassen deutlich übersteigt. Selbst ein technischer Deckungsgrad von beispielsweise 115 Prozent würde bei Aktienanlagen zu einer Unterdeckung führen.

Wie Dichter weiter ausführt, versucht man deshalb, den Umwandlungssatz immer stärker zu senken. 2018 lag der durchschnittliche Umwandlungssatz bei 5,8 Prozent, angestrebt wird aktuell eine Reduktion auf 5,5 Prozent. Das ist zwar moderat, wird aber nicht genügen, um die Umverteilung zu stoppen. Es ist auch eine langsame Massnahme.

Umwandlungssatz – die Lösung?

Muss der Umwandlungssatz also stärker und schneller sinken? Es spricht einiges dafür. So sollten Neurenten nicht von Anfang an eine Umverteilung zulasten der (zukünftigen) Aktiven voraussetzen. Zu bedenken ist auch, dass jede überhöhte Neurente der Finanzkraft der Pensionskasse schadet. Je länger man mit der Senkung des Umwandlungssatzes zudem zuwartet, desto stärker müssen die zukünftigen Umwandlungssätze sinken. Und nicht zuletzt sollte ein «Worst Case» für die heutigen jungen Aktiven vermieden werden.

Es gibt aber auch Argumente, die dagegen sprechen. Da die angekündigten Senkungen des Umwandlungssatzes nur schrittweise erfolgen können, entstehen ungünstige Anreize: Ein zu starke Senkung begünstigt den Entscheid zu einer Frühpensionierung, um vom höheren Umwandlungssatz noch profitieren zu können, was sich wiederum negativ auf die gewünschte Leistungsreduktion auswirkt. Ein anderer Punkt ist die Limitierung aufgrund des Umwandlungssatzes im BVG-Obligatorium: Die Umverteilungseffekte zwischen Obligatorium und Überobligatorium würden zunehmen. Und drittens würden die Unterschiede zwischen aktuellen Rentnern und Neurentnern sehr hoch, was dem Gerechtigkeitsempfinden zuwider läuft.

Alternative Ansätze

Im Rahmen der aktuellen beruflichen Vorsorge gibt es einige Modelle, die als Alternativen zum einheitlichen Umwandlungssatz einen neuen Ansatz zu einer flexibleren 2. Säule bieten, wie Dichter ausführte. Er stellte die verschiedenen Modelle kurz vor:

  • «Split»: Unterschiedlicher Umwandlungssatz für Obligatorium und Überobligatorium
  • «Cap»: Maximalen Rentenbezug begrenzen, ab einem bestimmten Betrag besteht ein Kapitalzwang
  • «Layer»: Unterschiedlicher Umwandlungssatz für verschiedene Stufen des Altersguthabens, d.h.,  je nach Höhe des Altersguthabens
  • «Bonus»: Umwandlungssatz mit garantiertem und variablem Teil (erfolgsabhängig)
  • «Timing»: Tieferer Umwandlungssatz für späte Einkäufe und Einlagen in die Pensionskasse (z.B. < 5 Jahre vor Pensionierung)
  • «Time Limit»: Zeitlich begrenzte Rente, danach Auszahlung eines Restkapitals
  • «Trend»: Rente mit negativem Trend (d.h. nominal sinkend)

Das Modell «Trend» stand hernach im Fokus einer detaillierteren Betrachtung, steht es sozusagen für eine Wiederherstellung der ursprünglichen BVG-Zielsetzung. Wie Dichter darlegte, beruhte die Finanzierung der beruflichen Vorsorge im Jahr 1985 de facto auf einem Kaufkraftverlust der Rentner. Nur hat das damals niemand gemerkt, sprich zu spüren bekommen, weil die Teuerung bereits im technischen Zinssatz berücksichtigt war. Heute liegt die Teuerung nahezu bei Null, das heisst, dass die Renten nur dann an Kaufkraft verlieren, wenn sie nominal sinken. Solche sinkenden Renten – wie sie das Modell «Trend» vorsieht – sind zwar gewöhnungsbedürftig, aber letztlich entsprechen sie der Situation von 1985.

Aus rechtlicher Sicht sind sinkende Renten sind nicht zwangsläufig gesetzeswidrig. Das BVG-Minimum müsste allerdings immer eingehalten, also mit 6,8 Prozent umgewandelt werden, alles darüber wäre flexibel, so Dichter. Kernpunkt des Modell ist denn auch: Gleichzeitig mit der beschlossenen Senkung des Umwandlungssatzes würde für die Versicherten eine individuelle Wahl des Rentenmodells eingeführt, unter anderem mit frei wählbarem Umwandlungssatz.

Dichter hat verschiedenste Berechnungen durchgeführt und kommt zum Schluss, dass das Modell «Trend» sowohl zu einer Planbarkeit der Rente als auch der nötigen Flexibilität führt. So könnten Rentensenkungen bei anziehender Inflation wieder ausgesetzt werden. Im Grunde ist es nichts Neues, sondern nur das ursprüngliche BVG-Modell im heutigen Zinsumfeld. Das Kunden-Feedback nach Einführung des Modells «Trend» ist jedenfalls durchwegs positiv.

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