«Deep Work» verleiht der Arbeit Sinn

Fachtagung Brunnen 2018

Können häufige Unterbrechung bei der Arbeit krank machen? Was ist «Deep work» und fühlt sich besser, wer solche «Deep work» leisten darf? Wann wird Lohn als gerecht empfunden – und welche Lohnmodelle machen zufrieden? Um was ging es beim Landesstreik? Und was muss der öffentliche Arbeitgeber machen, um als attraktiver Arbeitgeber zu gelten: Fragen und Antworten waren an der Fachtagung in Brunnen keine Mangelware. Das Datum der nächsten Tagung steht auch schon fest: 7. und 8. November 2019.

Präsident Urs Stauffer durfte am 29. und 30. November 2018 knapp 70 Teilnehmende an der 28. Fachtagung von Öffentliches Personal Schweiz im Seehotel Waldstätterhof in Brunnen begrüssen. An der Tagung wurden mehrere Schwerpunkte gesetzt – natürlich mit Fokus auf den öffentichen Dienst.

Beteiligung an der Gestaltung der Arbeit

Bei jeder Veränderung mit einschneidenden Auswirkungen auf die Arbeitswelt stellt sich die Frage, «Was heisst das für uns als Mitarbeiter?» Heute stellt sich die Frage konkret so: «Was bedeutet die digitale Entwicklung für den Menschen, welche Auswirkungen sind in der Zukunft zu erwarten? Wird eine Vielzahl der Arbeitnehmenden durch Automatisierungen überflüssig?»

Mit diesen Fragen, insbesondere mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitnehmenden und die Arbeitsorganisation setzte sich Prof. Dr. Hartmut Schulze, Leiter des Instituts für Kooperationsforschung und -entwicklung an der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW, in seinem Referat auseinander.

Die Zahl von «Robotern» in der industriellen Fertigung steigt seit 2009 rasant. Doch nicht nur dort; auch in der Landwirtschaft zieht die Robotik ein, wo Kühe vor dem Melkroboter Schlange stehen, oder in Privathaushalten, wo Roboter staubsaugen und den Rasen mähen.

Die Furcht, dass durch die Digitalisierung Arbeitsplätze abgebaut werden, erwies sich bis anhin entgegen den Prognosen als unbegründet. Sie führt nicht zwingend dazu, dass die Arbeit weniger wird, sie bewirkt aber, dass sich die Organisation und Inhalte der Arbeit ändern, so Schulze. Eine Folge ist, dass heute rund 60 % der Arbeitsplätze nicht mehr örtlich gebunden sind; die physische Präsenz ist für viele Arbeiten nicht mehr zwingend notwendig und die Arbeit kann auch zu Hause oder unterwegs erledigt werden. Die Zahl der Beschäftigten bleibt dabei konstant, bei Funktionen mit hohen Qualifikationen wurde sogar ein Zuwachs verzeichnet.

Selbst der Einsatz von Robotern hat in den Industrieländern nicht zu einem Rückgang von Arbeitsplätzen geführt. Weniger rosig sieht es hingegen in den Entwicklungsländern aus, wo ein Abbau von 14 % zu verzeichnen ist. Ursache der ungleichen Entwicklung ist, dass Industrieländer einfache Arbeiten zuvor in Entwicklungsländer ausgelagert hatten und diese nun wieder zurücknehmen, um sie durch Roboter ausführen zu lassen (so genannter “Re-Shoring-Effekt).

Dies zeigt klar, so Schulze, dass in erster Linie manuelle Routinearbeiten durch neue Technologien automatisiert werden. Nicht automatisierbar sind hingegen Arbeiten, welche kognitive Fähigkeiten voraussetzen oder nicht routinierbar sind. Trotz technischer Entwicklungen bleibt deshalb der Beschäftigungsgrad gleich hoch – allerdings mit veränderten und anspruchsvolleren Tätigkeiten.

Neue Strukturen und Belastungen

Die neuen Technologien führen auch dazu, dass Unternehmen mit neuen Arbeits- und Führungsmodellen experimentieren, so Schulze. Es wird vermehr Wert auf die Selbstorganisation der Arbeitnehmenden gelegt, was flachere Hierarchien zur Folge hat. Die zentrale Frage für Arbeitnehmende ist mitten in dieser Entwicklung, ob und in welchem Umfang sie sich selbst einbringen und die Organisation mitgestalten können und wollen.

Die veränderte Arbeitswelt und Organisation konfrontieren Arbeitnehmende zudem mit anderen Belastungen als früher. So sind heute ständige Unterbrechungen der Arbeit sowie Zeitdruck die stärksten negativen Belastungen und hängen eng mit Erkrankungen an Burnout und weiteren Gesundheitsproblemen zusammen.

Wer zusätzlich regelmässig mehr als 55 Stunden pro Woche arbeitet, vergrössert das Risiko eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls um den Faktor 1.3. Besonders stark gefährdet sind Menschen mit einem tiefen sozio-ökonomischen Status.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Belastungsfaktor ist eine zu geringe Selbstbestimmung, so Schulze, denn ein Grundbedürfnis des Menschen ist Autonomie, also die Freiheit, seine Arbeit selbst einteilen zu können.

Handlungsstrategien

Schutz vor ständigen Unterbrechungen bietet, wenn richtig gehandhabt, das Home Office, welches dank der technischen Entwicklung und Digitalisierung heute wesentlich einfacher organisiert werden kann als noch vor 10 oder 20 Jahren. Die Arbeit zu Hause oder an einem Co-Working-Space ausserhalb der eigenen Arbeitsorganisation ermöglicht, sich ohne Ablenkung auf eine anspruchsvolle Arbeit konzentrieren und so effizienter arbeiten zu können. Dieses so genannte «Deep Work» verleiht der Arbeit Sinn und führt dazu, dass sich Mitarbeitende engagierter mit einer Aufgabe auseinandersetzen. Wer nie die Chance erhält, im «Deep Work» konzentriert über eine längere Zeit an einer Aufgabe zu arbeiten, lässt die Fähigkeit, komplex zu denken, verkümmern und ist frustriert, warnt Schulze.

Trotz dem Vorteil der ungestörten Arbeit neigen pflichtbewusste, engagierte Mitarbeitende im Home Office dazu, sich zu überarbeiten. Wenn ihnen Home Office gewährt wird, fühlen sie sich oft verpflichtet, sehr viel zu arbeiten. Somit ist im Home Office – sowie im Hinblick auf eine (ständige) mobile Erreichbarkeit – der Arbeitgeber umso mehr gefordert, seiner Fürsorgepflicht nachzukommen und dafür zu sorgen, dass seine Mitarbeitenden nicht zu viel arbeiten und sich nicht überlasten.

Damit Home Office wirklich funktioniert und für – den Einzelnen oder das Team – nicht zu einer zusätzlichen Belastung wird, muss klar definiert werden, wer wann im Home Office arbeitet und welche Arbeiten in dieser Zeit erledigt werden.

Als Alternative zum Home Office können Arbeitgeber mit Grossraumbüros oder häufigem Kundenkontakt ihren Mitarbeitenden innerhalb des Betriebs ungestörte Arbeitszeiten verschaffen. Ruhige Rückzugsorte in denen keine Smartphones oder Gespräche erlaubt sind oder kleine Büros in die man sich alleine oder zu zweit zurückziehen kann, ermöglichen die konzentrierte Vertiefung in eine Arbeit. Solche Rückzugsorte innerhalb eines Betriebs werden geschätzt, weil sie einerseits ungestörtes Arbeiten und andererseits den persönlichen Kontakt mit Kollegen ermöglichen. Dass der persönliche Kontakt wichtig ist, zeigt die Tendenz von Arbeitnehmenden im Home Office, die in der Regel nach 0.5 bis 1.5 Tagen gerne wieder ins Büro zurückkehren.

Fazit

Es ist wichtig, den digitalen Wandel mitzugestalten und zu beeinflussen, so Schulze. Das bedeutet, Potenziale und Risiken digitaler Technologien frühzeitig zu erkennen und Bedürfnisse von Mitarbeitenden und Organisationen einzubringen.

Nicht der Arbeitsort ist wichtig, sondern wie man sich organisiert und ob Rückzugsmöglichkeiten bestehen.

Bei einfachen Arbeitsabläufen ist der Druck auf die Angestellten tatsächlich gross und es ist wichtig, ihnen in der veränderten Arbeitswelt Perspektiven bieten zu können.

Handwerker hingegen sind weniger gefährdet, weil sie keine routinierbaren Arbeiten ausführen. Handwerksarbeiten benötigen immer kognitive Fähigkeiten, welche Maschinen (noch) nicht ersetzen können.

Die Präsentation zum Referat von Hartmut Schulze als Download.

Gesundheitsschutz

Arbeitgeber müssen gestützt auf die gesetzlich normierte Fürsorgepflicht dafür sorgen, dass ihre Mitarbeitenden bei der Ausübung ihrer Arbeit keine gesundheitlichen Schäden erleiden. Rechtsanwalt und Notar Georg Klingler legte den Teilnehmenden die Grundzüge und rechtlichen Grundlagen des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz dar und veranschaulichte deren Anwendung durch einschlägige Gerichtsurteile.

Ursachen für gesundheitliche Gefährdungen

Die Ursachen für gesundheitliche Gefährdungen lassen sich in drei Kategorien unterteilen.

  • Sicht- und messbare Arbeitsbelastungen sind lange Arbeitszeiten, schlechtes Licht oder das Tragen von schweren Lasten.
  • Zur Belastung durch Arbeitsorganisation und Führung gehören auch die technische Überwachung von Mitarbeitenden, eine ungünstige Arbeitsorganisation, zu hohe Arbeitsanforderungen, hohe emotionale Belastungen oder ein ungünstiger Führungsstil.
  • Konflikte zwischen Arbeitnehmenden, insbesondere in Form von Mobbing oder sexueller Belästigung.

Die Belastung durch lange Arbeitszeiten kann mittels Messwerten in der Form von Höchstarbeitszeiten oder Mindestanforderungen für Ferien objektiv beurteilt werden. Für die Gesundheitsgefährdung durch psychische Belastungen gibt es jedoch keine Grenzwerte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.