«Lustvolle Knochenarbeit»
Herr Kunz, wie verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?
Ich bin Kunsthistoriker und seit zwei Jahren Direktor des Bündner Kunstmuseums. Ich habe in Zürich und Berlin Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie studiert. Während 20 Jahren war ich im Aargauer Kunsthaus als Kurator und stellvertretender Direktor tätig, vor zwei Jahren bot sich mir dann die Chance als Direktor zum Bündner Kunstmuseum zu wechseln.
Was hat Sie bewogen, von Aarau nach Chur zu ziehen? Sie mussten ja auch den Wohnort wechseln.
Die Schweiz ist relativ klein und die kulturellen Kontakte ändern sich mit dem Umzug nicht komplett, auch wenn das Umfeld etwas anders ist. Das Bündner Kunstmuseum ist ein tolles Museum mit einer tollen Sammlung und guten Perspektiven.
Interessant ist an meiner Arbeit ausserdem, dass das Museum vor einem Aufbruch steht; im Januar 2014 haben die Arbeiten am Erweiterungsbau begonnen.
Wie sieht denn der Arbeitsalltag eines Museumdirektors aus?
Meine Arbeitstage sind zum Glück sehr abwechslungsreich. Einerseits habe ich im Rahmen der Leitung des Kunstmuseums einen Bürojob, welcher die Personalführung, Budgetverantwortung und die Zusammenstellung des Programms beinhaltet. Andererseits bin ich für die Sammlung verantwortlich und vertrete das Kunstmuseum nach aussen. Der spannendere Teil meiner Arbeit ist klar die Organisation von Ausstellungen sowie die Konzeptionierung des Auf- und Ausbaus der Kunstsammlung. Die Organisation von Ausstellungen umfasst auch die gleichzeitige Konzeptionierung des Ausstellungskataloges und/oder des Buches zur Ausstellung sowie der Kontakt mit den Autoren, Fotografen, Grafikern und Verlagen. Die Dokumentation einer Ausstellung in einem Katalog oder Buch ist auch heute trotz digitaler Medien noch immer wichtig, damit sie nach dem Abbau nicht einfach im Vergessen verschwindet.
Sind Sie für Ihre Arbeit auch viel unterwegs?
Ja, bei der Vorbereitung von Projekten und Ausstellungen oder hinsichtlich der Entwicklung der Sammlung bin ich viel unterwegs, in der Schweiz und teilweise auch im Ausland.
Wie sieht denn der Weg von einer Idee zu einer Ausstellung, also die konkrete Organisation, aus?
Als erstes muss definiert werden, was für eine Ausstellung man machen bzw. was man zeigen will. Ich muss mich nicht an Vorgaben halten, aber die Geschichte des Hauses, die eigene Sammlung und der Standort geben gewisse Leitlinien vor. Jede Ausstellung hat eine eigene Geschichte, einen Grund, der sie entstehen liess. Die Ausstellung «Nationalpark» vom Juni 2013 bis Dezember 2013 hatte zum Beispiel den Ursprung in der Frage, was für eine letzte Ausstellung in ein Gebäude passt, welches 80 Jahre lang erst als Natur-, dann als Kunstmuseum gedient hat und nun abgerissen wird. Wir haben uns überlegt, ob wir irgendeine Ausstellung machen und nach dem letzten Tag die Türen einfach schliessen, oder ob wir etwas Spezielles, Einmaliges
machen wollen.
Ich habe mich für Letzteres entschieden: Ich habe zwei Künstler eingeladen, die in ihrer Arbeit Kunst und Natur verbinden. Sie haben eine Ausstellung konzipiert, die sechs Monate, vom längsten bis zum kürzesten Tag des Jahres, dauerte. In dieser Zeit sind in der Ausstellung Dinge gewachsen und wieder verwelkt. Die Künstler durften in das Gebäude eingreifen, es verändern und in ihre Kunstobjekte miteinbeziehen – sie nutzten diese Möglichkeiten und rissen das Dach auf, entfernten Wände und verbanden die beiden Etagen durch ein riesiges Loch bzw. eines der Kunstobjekte.
Das ist ziemlich aussergewöhnlich
Es war faszinierend. Die Rückmeldung eines Jungen war denn auch: «Das ist viel besser als Kunst!».
Sie haben die bestehende Sammlung des Museums erwähnt. Inwieweit beeinflusst sie die Ausstellungen?
Indem quasi um die Bilder aus unserer Sammlung eine Ausstellung organisiert wird. Wir haben in der Sammlung zum Beispiel ein tolles Bild, das so gut wie noch nie gezeigt wurde. Ich habe dann zu diesem Künstler eine Ausstellung organisiert.
Wie werden denn die Bilder für eine Ausstellung ausgewählt?
Die Auswahl der Bilder erfolgt gemeinsam mit dem Künstler, falls er noch lebt. Falls nicht, muss sein Nachlass gesichtet werden und es ist zu entscheiden, welche Bilder man zeigen möchte und wie diese zusammenpassen. Danach werden die Bilder zusammengetragen, entweder direkt aus dem Atelier des Künstlers oder mittels Leihgesuchen an die jeweiligen Eigentümer.
Das Zusammenstellen und -tragen der Bilder klingt aufwändig.
Das stimmt, aber es ist eine lustvolle Knochenarbeit. Es ist wichtig, im Vorfeld eine gute Auswahl zu treffen, damit nicht zu viele Bilder angeliefert werden und ein Teil gar nicht gezeigt werden kann. Man muss während der Planung bereits eine Idee entwickeln, wie die Ausstellung schlussendlich aussehen soll und dann die entsprechenden Bilder besorgen.
Sind Sie gerade mitten in der Organisation der nächsten Ausstellung?
Ja, ich organisiere gerade zwei Ausstellungen. Die eine zeigt Bilder von David Weiss, dessen Nachlass rund 2000 Werke umfasst. Davon können wir ca. 80 bis 100 Bilder zeigen. Hier geht es nun also darum, aus diesen 2000 Werken ca. 100 auszusuchen, welche miteinander in der Ausstellung als Einheit funktionieren. Die zweite Ausstellung zeigt Bilder eines Fotografen aus dem Kanton Graubünden, der Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts tätig war. Sein gesamter Nachlass ist bei uns und beinhaltet 60 bis 70 Originalabzüge der Fotografien und rund 800 Negative. Wir werden sicher die Originalabzüge zeigen und gleichzeitig versuchen, die Negative mittels Projektionen zu zeigen. Hier geht es also nicht nur um die Auswahl der einzelnen Werke, sondern auch um die beste Wahl der Präsentationsform.
Auch eine sehr kreative Arbeit…
Ja, das macht meine Arbeit sehr interessant. Jede Ausstellung ist ein eigenes Projekt mit eigener Geschichte – mal alt, mal zeitgenössisch – und mit immer neuen Herausforderungen. In der aktuellen Ausstellung «Nationalpark» zum Beispiel sind Pflanzen und Tiere integriert – eine völlig neue Erfahrung. Im besten Fall ist jede Ausstellung ein neues Erlebnis oder Ereignis, bei dem am Anfang noch nicht ganz klar ist, wie das Endprodukt aussehen wird.
Gibt es auch Ausstellungen, die nicht das erwartete Echo auslösen?
Es gibt auch Ausstellungen, bei denen es schön gewesen wäre, wenn sie mehr Menschen gesehen hätten. Das Echo lässt sich aber nicht steuern und der Erfolg wird nicht nur an den Besucherzahlen gemessen.
Haben Sie auch schon bereut, eine Ausstellung gemacht zu haben?
Nein, das kam noch nie vor.
Ihre Begeisterung für Ihre Arbeit spürt man. Gibt es doch etwas, dass Sie nicht mögen?
Nicht mögen ist zu streng formuliert. Ein harter Teil meiner Arbeit ist die Beschaffung von finanziellen Mitteln für die Ausstellungen, welche ausschliesslich über Sponsoringbeiträge finanziert werden müssen. Wir bekommen in der Regel das Geld zusammen, allerdings erhalten wir die Zusagen oft erst sehr spät, also wenn das Projekt schon sehr weit vorgeschritten ist.
Vor allem Stiftungen möchten als Grundlage für eine Beitragszusprechung Budgets, Werklisten und Entwürfe sehen; das können wir aber erst liefern, wenn die Ausstellung schon organisiert ist und es kein Zurück mehr gibt. Ich weiss zu Beginn der Konzeptionierung und Organisation oft nicht, ob ich die Ausstellung wirklich finanzieren kann.
Das macht nervös, oder?
Ja, natürlich; man gewöhnt sich aber auch etwas daran.
Welches sind Ihre wichtigsten Sponsoringpartner?
Wichtigste Ansprechpartner sind Banken, Stiftungen und Privatpersonen. Geld auftreiben ist nicht einfach. Es ist deshalb umso wichtiger, gute Kontakte und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, daran arbeite ich gerade. Teilweise erhalten wir auch grosszügige Schenkungen – dazu gehört auch die grosszügige und bedingungslose Mitfinanzierung des Erweiterungsbaus durch eine Privatperson.
Was würde passieren, wenn für eine Ausstellung nicht genügend finanzielle Mittel beschafft werden könnten?
Im besten Fall hat es ein kleines Polster in der Kasse des Kunstvereins oder eine andere Ausstellung läuft besser als erwartet und die Gewinne / Aufwände gleichen sich aus.
Sie haben zu Beginn gesagt, dass Sie sich nicht an Vorgaben halten müssen. Sind Sie wirklich völlig frei?
Ja, ich kann meine eigenen Ideen umsetzen. Wenn Ideen von aussen an uns herangetragen werden, prüfen wir diese selbstverständlich. Manche fliessen in unsere Arbeit ein, manche auch nicht. Wichtig ist, dass die Ideen mit den vorhandenen Ressourcen auch umsetzbar sind.
Sie haben also im engeren Sinn keinen Vorgesetzten?
Inhaltlich nicht. Wir sind aber eine kantonale Institution, die in das Amt für Kultur eingebunden ist. Meine Vorgesetzte ist die Leiterin des Amtes für Kultur und dann direkt der Regierungsrat. Der Kanton Graubünden hat klar definiert, dass er für den Betrieb des Kunstmuseums zuständig ist, sich aber inhaltlich nicht einmischt – weder bei den Ausstellungen noch bei der Sammlung.
Ist die Abgrenzung nicht üblich?
Jedes Museum ist anders organisiert. Im Kunsthaus Aarau war der Kanton Träger des Museums und der Kunstverein verantwortlich für die Ausstellungen. Der Vorsteher der Abteilung für Kultur ist jedoch im Kunstverein vertreten. Beim Kanton Graubünden gibt es diese Vertretung nicht, die beiden Bereiche sind klar getrennt.
Welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen haben hinsichtlich der Arbeit mit dem Umzug von Aarau sonst noch geändert?
Das Umfeld ist etwas anders, auch die Besucher. In Chur besuchen mehr Touristen das Museum, in Aarau war das so gut wie gar nicht der Fall. Ansonsten arbeite ich in einem vertrauten Umfeld weiter.
Bieten sich dank dem Tourismus Möglichkeiten, die in anderen Städten nicht vorhanden sind?
Im Kanton Graubünden wurde die Kultur lange Zeit nicht als wesentlicher Faktor für den Tourismus wahrgenommen. Inzwischen hat sich das geändert. Es gibt viele Besucher, die extra wegen einer Ausstellung nach Chur reisen. Die Stadt Chur hatte bis anhin die Einstellung vertreten, dass das Museum eine kantonale Institution darstellt und sie nichts angeht. Dass sich das Bewusstsein diesbezüglich geändert hat, zeigt auch, dass das Bündner Kunstmuseum im Jahr 2013 den Wertschöpferpreis der Stadt Chur erhalten hat.
Ein weiterer Schritt in diese Richtung ist auch der Um- bzw. Neubau. Mein Tätigkeitsschwerpunkt lag im vergangenen Jahr auch bei der Planung des neuen Anbaus, seit Januar 2014 geht es konkret an die Realisierung des Gebäudes.
Was ist geplant und was geschieht mit dem alten Teil des Museums?
Der Anbau wird niedergerissen und wird durch einen komplett neuen Erweiterungsbau ersetzt. Der alte Teil bleibt stehen, wird aber ab September 2014 saniert. Das bedeutet, dass wir noch im Jahr 2013 die ganze Sammlung ausgeräumt und – auch aus Sicherheitsgründen – auswärts untergebracht haben. Wir organisieren nun fünf Wechselausstellungen im alten Teil, also der Villa.
Wie lange wird auch dieser Teil geschlossen bleiben?
Das Museum bleibt während der Sanierung 1 ¾ Jahre geschlossen. Diese Zeit nützen wir für Arbeiten im Hinblick auf das neue Haus, wir müssen es quasi neu denken. Es gibt ein neues Erscheinungsbild und wir werden fast doppelt so viel Raum zur Verfügung haben wie bis anhin. Es wird deshalb ein neues Betriebskonzept erstellt, dass auch ein nach Möglichkeit höheres Betriebsbudget und eine grössere Mitarbeiterzahl beinhaltet. Hierfür sind auch politische Prozesse nötig, welche Vorbereitungsarbeiten verlangen.
Sind für die Dauer der Sanierung kulturelle Angebote ausserhalb der Mauern das Bündner Kunstmuseum geplant?
Ja. Wir stellen ein Programm von Gastspielen mit verschiedenen Kulturinstitutionen im ganzen Kanton zusammen. Dazu gehören kleinere und grössere Ausstellungen in Chur, im Bergell, in der Surselva. Es ist uns wichtig, präsent zu bleiben, im ganzen Kanton.
Sie haben erwähnt, dass die Kontakte zu anderen Kulturschaffenden eng sind. Spielt es für Direktoren von Museen eine Rolle, ob sie in einem staatlichen oder privaten Museum tätig sind?
Das spielt schon eine Rolle. Wir haben den Vorteil, dass der Betrieb bzw. ein Minimalbetrieb unseres Museums immer gesichert ist. Ich muss keine Angst haben, die Personalkosten nicht decken zu können. Die Einbindung in eine kantonale Verwaltung ist rein organisatorisch sicher anders, wir haben strengere Regelungen. Private Museen sind im Umgang mit den Geldern in gewissen Bereichen flexibler. Hinsichtlich der Finanzierung einer Ausstellung ist die Ausgangslage jedoch gleich: alle Museen müssen externe Finanzierungsmöglichkeiten suchen.
Wo wir schon bei den Kontakten sind: Wie oft kommen Sie als Direktor mit den Museumsbesuchern in Kontakt?
Das lässt sich individuell gestalten. Mir sind der Kontakt und die persönlichen Rückmeldungen von den Besuchern wichtig und ich übernehme auch gerne öffentliche oder private Führungen. In den Pausen trinke ich hier unten gerne einen Kaffee und nutze die Möglichkeit, Diskussionen zu führen.
Herr Kunz, wir danken für das Gespräch.
