Hans Jürg Rodel, Lebensmittelkontrolleur im Kanton Aargau

Vom Tellerwäscher zum Lebensmittelinspektor

Interview mit Hans Jürg Rodel, Lebensmittelkontrolleur im Kanton Aargau

Welche besondere Eigenschaften braucht es sonst noch?

Man muss wissen von was man spricht. In unserem Team stammen alle Lebensmittelkontrolleure aus dem Lebensmittelbereich. Wir haben zum Beispiel Bäckermeister, Käsereimeister, Metzgermeister oder ehemalige Gastwirte.

Wie war Ihr beruflicher Werdegang?

Also kurz gesagt kam ich vom Tellerwäscher zum Lebensmittelinspektor. Ich bin in einem Restaurant aufgewachsen, denn meine Eltern haben immer ein Restaurant geführt. Dort habe ich als Jugendlicher mein Taschengeld mit Abwaschen aufgebessert. Ich selbst habe eine klassische gastgewerbliche Ausbildung gemacht und in Aarau Koch gelernt. In Grindelwald habe ich Service gelernt, was eine wunderbare Zeit war mit viel Skifahren in der Freizeit. Teilweise habe ich danach zu Hause im Restaurant gearbeitet und dann die Hotelfachschule besucht sowie an verschiedenen Orten gearbeitet.

Mit meiner damaligen Partnerin und heutigen Ehefrau habe ich danach im Restaurant meiner Eltern gewirkt. Ich in der Küche und sie im Service und der Administration. Ein paar Jahre später haben wir den gesamten Betrieb übernommen und hier im Aargau das Restaurant meiner Eltern weitergeführt. Nach über 10 Jahren habe ich mich aber gefragt, ob ich das nun wirklich für den Rest meines Lebens machen möchte, obwohl ich mich mit der Hotelfachschule weitergebildet habe.

Als ich das Inserat für eine offene Stelle als Lebensmittelkontrolleur in der Zeitung sah, habe ich meinen Bruder darauf aufmerksam gemacht, da er eine neue Herausforderung suchte. Er hatte aber schon etwas Neues und empfahl mir, mich doch selbst zu bewerben. Aber erst als meine Eltern mich motivierten, den ehemals elterlichen Betrieb aufzugeben und mich für die Stelle zu bewerben, tat ich es. Seit 2006 arbeite ich nun hier und vor knapp 3 Jahren erhielt ich die Chance, mich zum Inspektor weiterzubilden. Das bedeutete für mich, ein Nachdiplomstudium an der Uni Basel zu besuchen, welches ich nun abgeschlossen habe. Die Inspektorenprüfung habe ich ebenfalls bestanden und die Diplomarbeit für den Bachelor ist eingereicht. Seit 1. Januar 2016 bin ich nun Lebensmittelinspektor.

Haben Sie den Wechsel vom Wirt zum Lebensmittelinspektorat auch schon bereut?

Nein, keine Minute. Am ersten freien Wochenende habe ich mich gefragt, was ich nun tun soll. Ich war es nicht gewohnt, jede Woche zwei Tage frei zu haben, das war wie Ferien!

Wie wurde Ihr Wechsel vom Wirt zum Kontrolleur von Ihren ehemaligen Wirtskollegen aufgenommen?

Als ich sie informierte, waren sie schockiert. Heute sagen viele, dass ich einen sehr guten Entscheid getroffen habe und sie es wohl auch so hätten machen sollen.

Die meisten Kollegen haben den Wechsel durchaus verstanden. Es war aber schon eigenartig. Ich war als Wirt sehr engagiert, als Präsident der Gastro Lenzburg, somit im Vorstand von Gastro Aargau und auch im Verband Gastro Suisse. Ich kenne also sehr viele Wirte und habe deshalb  in Gastwirtschaftsbetrieben nur Kontrollen gemacht, wenn ich den Wirt nicht kannte. Ich wollte keine Konflikte mit guten Kollegen, nur weil ich den Job gewechselt hatte. Bis jetzt hat das recht gut funktioniert.

Wie reagieren die ehemaligen Wirtskollegen, wenn Sie sie doch kontrollieren müssen?

Ich musste tatsächlich den Betrieb eines Vorstandskollegen von gastro Aargau kontrollieren. Ich habe ihn vorgängig gefragt, ob es für ihn in Ordnung ist und er hat geantwortet, ich solle meinen Job ruhig machen, das sei nun ja meine Aufgabe. Ich habe dann die Kontrolle vorgenommen und auch einzelne Dinge festgestellt, die aufgrund der Berichte schon länger nicht gemacht wurden. Er hat eingesehen, dass er das nun machen muss.

Als wir mit der Besprechung fertig waren, hat er mich gefragt: «Bisch jetzt fertig mit motze?» Als ich bejahte, sagte er «gut, dann trinken wir jetzt noch etwas zusammen, als Kollegen».

Nach der Kontrolle zusammen etwas zu trinken ist natürlich die Ausnahme, aber es war ein Kollege, der akzeptierte, dass ich jetzt eine andere Aufgabe habe und so zwischen Arbeit und Freundschaft unterschied.

Hat es auch Vorteile, dass Sie selbst als Wirt tätig waren?

Ja, als ehemaliger Wirt weiss ich natürlich genau, wo sich Schwachpunkte verstecken können, aber auch, wo man manchmal relativ einfach Verbesserungen anbringen kann. So kann ich zum Beispiel in der Küche Tipps geben und die Kontrollierten sind meistens dankbar, weil sie noch gar nie an diese Möglichkeit gedacht haben.

Manchmal ist ein Blick einer aussenstehenden Person oder eine zweite Meinung sehr hilfreich.

Was schätzen Sie an Ihrem Beruf?

Den Umgang mit den Menschen und das ich noch immer mit Nahrungsmitteln zu tun habe. Das ist mir sehr wichtig.

Auch die Zusammenarbeit mit den Arbeitskollegen hier im Haus schätze ich sehr. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis im Amt. Bei rund 100 Angestellten gibt es natürlich immer solche, die man besser oder weniger gern mag, aber wir sind ein super Team.

Was gefällt Ihnen weniger gut?

Das ist schwierig… Es gibt eigentlich nichts.

Was motiviert Sie?

Ich mache meine Arbeit gern, ich gehe wirklich gerne ins Büro. Meine Motivation sind die Leute hier im Amt und ein gutes Erlebnis bei einer Inspektion, wenn ich sehe, dass sich seit der letzten Kontrolle tatsächlich etwas verbessert hat. Klar, wir sanktionieren, aber wir arbeiten auch mit den Betroffenen zusammen und es freut mich, wenn ich Erfolge sehe.

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