Stress, Termindruck und Präsentismus belasten Arbeitnehmer

«Barometer Gute Arbeit»; Studie zur Qualität der Arbeitsbedingungen

Der «Barometer Gute Arbeit» zeigt aus der Sicht der Arbeitnehmenden, dass die Qualität der Arbeitsbedingungen in der Schweiz im Grundsatz gut und stabil ist. Bedauerlich ist aber, dass davon nicht alle Arbeitnehmenden gleichermassen profitieren. Die Arbeitsbedingungen sind je nach Branche und Region sehr unterschiedlich. Insbesondere in den Bereichen Arbeitsmarktmobilität, eigener Einfluss auf die Arbeitszeit sowie körperliche und psychische Belastungen besteht Handlungsbedarf.

Arbeit ist in unserer Gesellschaft eine wertvolle Ressource. Den Arbeitnehmenden muss deshalb Sorge getragen werden, weshalb die Berner Fachhochschule und Travail.Suisse mit dem «Barometer Gute Arbeit» regelmässig die Qualität der Arbeitsbedingungen in der Schweiz erforscht. Die bereits zum vierten Mal durchgeführte repräsentative Studie ermöglicht einen Vergleich über die letzten Jahre. Sie wird in die Teilbereiche Motivation, Sicherheit und Gesundheit gegliedert. Neu wurden den Arbeitnehmenden im Jahr 2018 im Bereich Motivation mehr Fragen zur Gestaltung ihrer Arbeitszeit und zu ihren sozialen Kontakten am Arbeitsplatz gestellt.

Zu beachten ist, dass die Qualität der Arbeitsbedingungen stark von der Region und den unterschiedlichen Branchen abhängt. So werden die Bereiche Motivation und Sicherheit im Tessin und in der Genferseeregion erheblich schlechter eingestuft als in den restlichen Regionen.

Nach Tätigkeitsgebieten evaluiert, wird die Rangliste von den Branchen Information und Kommunikation sowie Erziehung und Unterricht angeführt. Die öffentliche Verwaltung liegt gesamthaft auf Rang 4, im Bereich Gesundheit gar auf Rang 1. Schlusslicht in allen Bereichen und Regionen ist das Gastgewerbe mit der schlechtesten Qualität der Arbeitsbedingungen.

Motivation

Die Motivation in der Schweiz ist gross und der Sinn der Arbeit sowie die Wertschätzung werden von den Befragten hoch eingestuft. So ist es auch wenig erstaunlich, dass sich die Befragten in einem hohen Mass mit den Produkten oder Dienstleistungen ihres Arbeitgebers identifizieren. Ein gutes Zeugnis stellen die Befragten auch ihren Vorgesetzten aus, deren Unterstützung sich gegenüber ihren Mitarbeitenden gemäss der vorliegenden Studie massiv verbessert hat.

Signifikant schlechter als in den Vorjahren wird hingegen die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben bewertet sowie der eigene Einfluss auf die Arbeitszeiten. Diese Entwicklung erfolgt jedoch auf einem hohen Niveau, was trotz Verschlechterung von einer hohen Qualität und einer guten Vereinbarkeit zeugt.

Die schlechteste Bewertung im Bereich Motivation erhielten die Entwicklungsmöglichkeiten in Form von Aufstiegschancen sowie der eigene Einfluss auf die Arbeitsmenge.

Sicherheit

Das Vertrauen in die Arbeitgeber ist bei den Befragten gross und sie sind mit ihrer Arbeit im Grundsatz zufrieden. Auch die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes beurteilen sie – kurzfristig betrachtet – als gut. Pessimistisch eingeschätzt wird hingegen die Möglichkeit, einen vergleichbaren Job zu finden sowie die persönlichen Einflussmöglichkeiten auf Veränderungen am Arbeitsplatz.

Verbesserungspotential scheint gemäss der Studie bei der Angemessenheit des Einkommens im Hinblick auf die erbrachte Arbeitsleistung zu bestehen; über 43 Prozent erachten ihr Einkommen als gar nicht oder nur in geringem Masse angemessen. Hier macht sich die zögerliche Lohnentwicklung bzw. die rückläufige Entwicklung des Reallohns in den letzten Jahren bemerkbar. Unklar ist, wie stark das Ergebnis der Studie von der nach wie vor bestehenden Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen beeinflusst wurde.

Eines zeigt die Studie jedoch klar: Es braucht engagierte Personalverbände und Interessenvertretungen, um den Anliegen der Arbeitnehmenden Gehör zu verschaffen.

Gesundheit

Im Jahr 2018 nahm die körperliche Belastung der Befragten zu, insbesondere in den Bereichen «ungünstige Körperhaltung» und «körperlich schwere Arbeit». Eine Verschlechterung musste zudem bei den Umwelteinflüssen am Arbeitsplatz, zum Beispiel in Form von Lärm, Helligkeit oder Temperatur, festgestellt werden.

Die psychische Belastung, insbesondere in Form von Stress, Termindruck oder Präsentismus, hat sich zwar nicht verschlechtert, verzeichnet aber nach wie vor einen sehr tiefen Wert.

Diese Faktoren werden von den Befragten als grösste Belastung empfunden, weshalb ein intensives Engagement der Personalverbände und Arbeitnehmendenorganisationen auch in diesem Bereich dringend notwendig ist. Die Arbeitgeber müssen aufgefordert werden, ihrer Fürsorgepflicht gegenüber ihren Arbeitnehmenden nachzukommen und sie vor den Folgen von Stress, Termindruck und Präsentismus zu schützen.

Gestaltung der Arbeitszeit und soziale Kontakte am Arbeitsplatz

Rund die Hälfte der unselbständig Erwerbstätigen verfügt über einen hohen Gestaltungsspielraum bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit. Sie bestimmen selbst, wann sie mit der Arbeit beginnen und wann sie den Arbeitsplatz verlassen. Sie können überdies die Pausen selber einteilen und dürfen ihren Arbeitsplatz kurzfristig wegen privaten Angelegenheiten verlassen. Die andere Hälfte der Befragten hat diese Möglichkeiten kaum oder überhaupt nicht. Rund 10 Prozent von ihnen belastet diese fehlende Gestaltungsmöglichkeit, teilweise fühlen sie sich dadurch sogar erheblich belastet.

Befragt zu den sozialen Kontakten am Arbeitsplatz, gab die grosse Mehrheit an, dass sie zufrieden sind. Ein Drittel ist in sehr hohem Mass zufrieden. Rund drei Viertel der Angestellten können Probleme rund um die Arbeit am Arbeitsplatz offen besprechen.

Schlussbemerkungen

Der «Barometer Gute Arbeit» gibt einen guten Einblick in die Entwicklungen der letzten Jahre und den heutigen Stand der Qualität der Arbeitsbedingungen. Er zeigt, dass nach wie vor Handlungsbedarf besteht und die Entwicklung keine eindeutige Tendenz zeigt, sondern in allen Bereichen in beide Richtungen gehen kann.

Es ist deshalb wichtig, dass sich Personalverbände und Interessenvertretungen stetig für die Belange ihrer Mitglieder einsetzen, um trotz äusseren Einflüssen die Qualität der Arbeitsbedingungen hochhalten oder verbessern zu können. Wichtiges Argument dürfte sein, dass auch die Arbeitgeberseite von zufriedenen, gesunden und motivierten Arbeitnehmenden profitiert.

 

Die Studie

Der «Barometer Gute Arbeit» kann auf der folgenden Seite heruntergeladen werden: www.travailsuisse.ch/themen/arbeit/barometer_gute_arbeit

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