GEMEINSAMER WOHNORT – VERSCHIEDENE ARBEITSSTÄTTEN ALS LEHRPERSONEN

Sie wohnen alle in einer Siedlung in Wohlen Tür an Tür. Sie unterrichten alle an einer öffentlichen Schule resp. stehen einer Fachhochschule vor, aber alle tun dies an verschiedenen Orten in verschiedenen Stufen. Und alle haben sich privat und beruflich mit dem plötzlichen Lockdown auseinandersetzen müssen. Interview von Dr. Ruedi Bürgi.

Wie reagierte Ihre Schule resp. Ihre Institution nach der plötzlichen Schliessung? Wie funktionierte der Übergang und wie nach der Ferienzeit nun der Fernunterricht?

 

Rolf Keusch: Eine mögliche Schulschliessung hatte sich abgezeichnet, weshalb wir schon gewisse Massnahmen getroffen hatten. Vor den Ferien waren vom zuständigen Bildungsdepartement aus nur Repetitionen erlaubt. Das half, uns auf den Fernunterricht einzustellen und ihn vorzubereiten.

 

 

Dani Burg: Schulleitung und Lehrpersonen versuchten sich vorzustellen, was die Schulschliessung für die Jugendlichen bedeutet und welches ihre Bedürfnisse sind. Es ist uns gelungen, nicht in eine Hektik rund um das Hochfahren von elektronischen Tools zu versinken.

 

 

Marianne Keusch: In Wohlen war schon länger die Plattform «Teams» eingeführt worden. Die damit noch nicht vertrauten Lehrpersonen haben von allen Seiten des Kollegiums und vom PICTS-Verantwortlichen sehr grosse Unterstützung erhalten: Es gab Anleitungen, selbst erstellte Videofilme und Handreichungen zum digitalen Lernen, zum Onlineunterricht zum Lerncoaching im Distanzmodus. Mit den Schülerinnen und Schülern lief es anfänglich etwas harzig, aber seit der Abgabe von Wochenplänen wurden die Aufträge sehr pflichtbewusst erfüllt.

 

Crispino Bergamaschi: Seit dem Tag der Schliessung findet an der Fachhochschule der Unterricht für die 12 500 Studierenden und rund 3000 Teilnehmenden von Weiterbildungskursen virtuell statt. Gleichzeitig wurde für die 3000 Mitarbeitenden Homeoffice angeordnet. Ich war beeindruckt, in welcher Weise die Mitarbeitenden sowie die Studierenden den Übergang meisterten und mit Problemen und Unsicherheiten umgingen.

 

Mara Hilfiker: Bei uns lag vom ersten Tag an der Ernstfall vor: Zwei Lehrpersonen waren infiziert und gesundheitlich gravierend betroffen. Etliche Schülerinnen und Schüler und auch Lehrpersonen klagten über Symptome. Ich hatte dabei Glück im Unglück, dass ich erst von einer dreiwöchigen Absenz wegen eines Bandscheibenvorfalls zurückkam und keine grossen Kontakte hatte. An der Schule waren unter diesen Umständen viel Umsicht und Geschick und echtes Krisenmanagement gefordert. Die Schule meisterte diese widrigen Umstände aber gut.

 

Welches sind die Methoden und die technischen Mittel, die Sie im Fernunterricht anwenden?

Crispino Bergamaschi: Die Methoden sind vielfältig und der jeweiligen Situation angepasst. Jede Hochschule musste für sich den richtigen Mix finden. Bei der Hochschule für Wirtschaft war er anders als bei der Hochschule für Musik. Die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) hat das Thema Digitalisierung der Hochschullehre schon vor mehreren Jahren auf ihre Agenda gesetzt und erarbeitet seit 2018 in einem strategischen Entwicklungsschwerpunkt dazu Lösungsansätze. Dies kommt uns heute sehr zugute. So hatten wir schon im letzten Jahr ein Videotool für die FHNW evaluiert, konnten es ausrollen und die Mitarbeitenden schulen.

Marianne Keusch: Die Schülerinnen und Schüler erhalten über «Teams» Aufträge. Ich mache jeweils eine Einführung per Videokonferenz, um gleich Fragen beantworten zu können. Die Schülerinnen und Schüler sollen zu den gemäss Wochenstundenplan festgelegten Stunden an den Aufgaben arbeiten und können zusätzlich in den festgelegten Stunden per Telefon, Chat oder Mail Rückfragen stellen. Das klappt – offensichtlich auch dank der vorgegebenen Strukturen – erstaunlich gut.

Dani Burg: Wir erteilen über die Kommunikationsplattform «Klapp» Aufträge. Wichtig ist uns, mit den Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu bleiben, um uns zu vergewissern, dass sie mit der aktuellen Situation und den Aufgaben zurechtkommen.

Rolf Keusch: Unsere Schule musste kurzfristig zur Gewährleistung der Kommunikation eine Plattform einrichten. Das gab es bisher nicht und hat erstaunlich rasch und gut funktioniert, wohl weil sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch die Lehrkräfte wie auch die Eltern und die Schulleitung motiviert und lösungsorientiert mitzogen. Auch bei uns wird die Erfüllung der Aufträge überprüft und besprochen.

Mara Hilfiker: Die meisten Lehrpersonen verwenden die Plattform «Schabi». Hier wurde für das Werken eine sog. Kreativseite eingerichtet, auf der Bastelideen und -anleitungen und Links zu weiterführenden Themen für das Textile Werken zu finden sind. Im Fernunterricht erteile ich kleine Aufträge via die jeweiligen Klassenlehrpersonen, die sie in ihre Wochenpläne einbinden. Zum Teil habe ich auch Material und Anleitungen abgegeben, Wundertüten mit Bastelmaterial abgepackt und den Schülerinnen und Schülern via den Materialabgabeposten zukommen lassen. Abgemacht ist jeweils auch, wann die Arbeiten wieder in der Schule abzugeben sind.

Sind die Schülerinnen und Schüler motiviert und auch diszipliniert im Fernunterricht? Wie muss man sich das vorstellen: Gibt es eine Präsenz, die Sie überprüfen können? Entstehen auch interaktive Auseinandersetzungen, Diskussionen? Kann man sagen, dass der Fernunterricht auch eine Form der Wahrnehmung von Selbstverantwortung durch die Schülerinnen und Schüler ist, da sie vieles selbstständig und mit eigenem Antrieb tun müssen?

Rolf Keusch: Gruppendynamische Prozesse sind kaum möglich. Umgekehrt können sich nun Schülerinnen und Schüler besser von  Gruppenzwängen befreien. Sie haben mehr Mut, eigene Gefühle, Freuden und Bedürfnisse zu zeigen. Was die Verantwortung betrifft, so kann man sich dieser auch im Regelunterricht entziehen, vielleicht dort sogar besser, da jetzt Aufträge auf Termin zu erfüllen sind. Ich stelle aber fest, dass die Schülerinnen und Schüler motiviert und diszipliniert sind.

Dani Burg: Die meisten Realschülerinnen und -schüler sind froh, dass sie Strukturen im Alltag haben. Sie halten sich an die Regeln unseres Fernunterrichtes. Der Stoff ist ihnen allerdings nicht so wichtig, aber sie freuen sich an den Kontakten, die entstehen. Einige erleben den Fernunterricht als unangenehme Störung beim Schlafen und Gamen. Wir arbeiten in Niederlenz oft mit Aufträgen zur selbstständigen Erledigung (Modell Lernlandschaft). Die Schülerinnen und Schüler erhalten zweimal pro Tag einen Auftrag. Sie müssen zu Beginn jeweils die Lesebestätigung schicken und am Schluss des Halbtages die Arbeiten elektronisch abliefern. Für einige Schülerinnen und Schüler ist dies eine permanente Herausforderung, und wir müssen sie mehrmals an Termine und Pflichten mahnen, aber insgesamt funktioniert es gut. Einzelne schaffen es nicht, sich selber zu organisieren (übrigens wie auch im «normalen» Unterricht nicht), und geraten rasch in den Verzug mit den Abgaben. Diese bieten wir alleine oder in Kleinstgruppen ins Schulhaus auf und arbeiten mit ihnen an den Aufgaben (unter Einhaltung der aktuellen Abstands- und Hygieneregeln). Es erscheint mir etwas paradox, aber ich meine, die Schülerinnen und Schüler im Moment besser zu spüren als im Präsenzunterricht. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich bei sämtlichen Schülerinnen und Schülern wöchentlich mehrmals gezielt nachfrage, wie sie mit den Aufgaben und der allgemeinen Situation zurechtkommen, und so einen persönlichen und unmittelbaren Kontakt habe.

Marianne Keusch: Die Struktur mit den Wochenplänen und den täglichen obligatorischen Präsenzzeiten bewährt sich. Die meisten sind motiviert, machen zumindest, was verlangt wird, und man spürt bei einigen, dass sie die Aufgaben für ihren schulischen Rucksack, also für ihren eigenen Fortschritt, lösen. Aufträge können im Übrigen in Kleingruppen gelöst werden, wodurch Diskussionen und Interaktionen entstehen. Meine Wahrnehmung zeigt, dass Selbstverantwortung jene übernehmen, die sich darin schon in der Schule ausgezeichnet haben.

Crispino Bergamaschi: Ich erlebe die Studierenden als sehr engagiert und motiviert, auch wenn diese Art des Studiums sehr anspruchsvoll ist. Typischerweise arbeiten sie jeden Tag von morgens bis abends, lesen Texte, machen Übungen, nehmen an Videomeetings teil, schreiben an Berichten. Dazu braucht es eine enorme Selbstdisziplin und auch unterstützende Rückmeldungen der Dozierenden.

Erleben Sie, dass es im Fernunterricht vermehrt als sonst Chancenungleichheiten gibt durch die verschiedenen sozialen und familiären Situationen der Schülerinnen und Schüler?

Marianne Keusch: Chancenungleichheit ist etwas, was es nicht nur in dieser Krisenzeit gibt. Die Schule kann diese Forderung nach Gerechtigkeit auch in unbelasteten Zeiten nicht erfüllen. Es gibt an allen Schulen aber ein Betreuungsangebot für belastete oder benachteiligte Schüler. Auch in materieller Hinsicht wurde bei uns in Wohlen an der Oberstufe mit einer Umfrage ermittelt, ob z.B. Bedarf nach einem Laptop etc. bestehe.

Dani Burg: Das ist der zentrale Punkt. Die sozialen und familiären Situationen sind extrem unterschiedlich: Einige Familien wohnen auf engstem Raum, mehrere Geschwister (teilweise mit grossen Altersabständen) teilen sich ein Zimmer, die Eltern arbeiten Schicht, die Familienmitglieder benützen die gleichen elektronischen Geräte usw. Erschwerend kommt hinzu, dass einige Eltern ihre Kinder aus Angst vor einer Corona-Ansteckung in der Wohnung behalten. Andere Familien wohnen in grosszügigen Verhältnissen, ihre Mitglieder haben Rückzugsmöglichkeiten, und viele treiben im Garten und im Wald Sport.

Mara Hilfiker: Kinder, die zu Hause zu wenig Struktur haben, drohen durch die Netze der Gesellschaft zu fallen. Das ist sicher in jeder Gemeinde so. In der Corona-Zeit gibt es für Kinder, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten, ein Betreuungsangebot in der Schule, bei Bedarf sogar auch mit Essen über Mittag. Zusätzlich dürfen einige Kinder einen Arbeitsplatz im Schulhaus in Anspruch nehmen. Damit kann einiges aufgefangen werden, und die Kleinen sind darüber ausserordentlich dankbar.

Rolf Keusch: Chancenungleichheiten zeigen sich nicht erst im Fernunterricht, sondern sind Teil unseres Alltags.

Crispino Bergamaschi: Viele Studierende der FHNW müssen sich das ganze Studium oder zumindest einen Teil davon selber mit Nebenjobs finanzieren. Die meisten dieser Nebenjobs (z.B. Service in Restaurants und Bars, Billettkontrollen in Kinos) sind wegen der Corona-Krise  komplett weggefallen. Dies hat Studierende in existenzielle Not gebracht. Sie wussten z.T. nicht mehr, wie die Miete Ende Monat zu bezahlen ist. Die Stiftung zur Förderung der FHNW hat sehr schnell und unkompliziert gehandelt. Sie hat einen Härtefonds geschaffen und diesen mit Spenden von Einzelpersonen und Firmen geäufnet. Bis heute konnten über 100 Studierende unkompliziert unterstützt werden. 

Können Sie sich vorstellen, Fernunterricht über eine längere Zeitdauer, z. B. über ein ganzes Semester hinweg, durchzuführen? Kann neuer Lernstoff wirksam vermittelt werden? Kann der Lernerfolg schlüssig überprüft werden? Wie werden Prüfungen durchgeführt?

Crispino Bergamaschi: Wir haben in diesem Semester ausschliesslich Fernunterricht und befinden uns dadurch in einer unfreiwilligen Lern- und Lehrlaborsituation in extremis. Auch wenn vieles gut läuft, bin ich überzeugt, dass ausschliesslich Fernunterricht nicht unsere Lösung der Zukunft sein wird. Aber Elemente, bei denen wir jetzt gute Erfahrungen machen, werden ins zukünftige Lehrkonzept einfliessen. In diesem Sinne wird sich eine neue Balance zwischen Präsenz- und Fernunterricht einstellen.

Marianne Keusch: Fernunterricht über längere Zeit? Lieber nicht, aber es ginge. Gerade in meinen Fächern (Biologie, Physik und Chemie) ist das praktische Arbeiten oder die Durchführung von Versuchen zentral. Klar gibt es Versuche, die die Schülerinnen und Schüler zuhause machen können, aber viele Experimente brauchen eben spezifische Geräte und Materialien und leben von der Unmittelbarkeit und der Erfahrung des Miterlebens.

Dani Burg: Besonders auf unserer Stufe würde ich Fernunterricht auf Dauer nicht nutzen. Lernen hat sehr viel mit Beziehung zu tun. Während ein paar Wochen können wir die Beziehungen über Distanz pflegen, aber nicht auf die Dauer.

Marianne Keusch: Lernstoff kann bei attraktiver, anregender und verständlicher Aufbereitung des Stoffes auch virtuell vermittelt werden. Mit «Classtime» kann der Lernerfolg schon heute überprüft werden.

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