Es muss eine neue Alterskultur entstehen

Interview mit Prof. em. Dr. Norbert Thom

Könnte sich das noch ändern?

Das wird sich zeigen, es müsste ein Umdenken stattfinden. Was für viele wie ein Rückschritt aussieht, ist für viele andere ein Segen. Mittlerweile hat es ja sogar ein Papst vorgemacht: Papst Benedikt XVI trat zurück, weil er körperlich nicht mehr in der Lage war, seine Aufgaben zu erfüllen.

Meines Erachtens müsste es mehr solche Vorbilder geben. Dank meiner Tätigkeit an der Universität Bern kenne ich Benedikt Weibel der mit Anfang 60 als Generaldirektor der SBB zurücktrat. Er übernahm zu diesem Zeitpunkt neue Aufgaben, als Teilzeitprofessor an der Universität Bern, als Autor von mehreren Büchern und als Delegierter des Bundesrates für die Euro 08. Sein Rücktritt hat ihm Raum gegeben für Neues.

Natürlich hat nicht jeder die Möglichkeit, nach einer Pensionierung nochmals etwas Neues zu beginnen. Meines Erachtens zeigt es aber, dass nicht eine möglichst hohe hierarchische Stellung am Ende des Erwerbslebens wichtig ist, sondern Freude an der Tätigkeit, bei der man sein Talent nutzen und zeigen kann.

Müsste der Fokus in der Karriereplanung angepasst werden?

Grundsätzlich lassen sich heute drei grosse Laufbahnkonzepte unterscheiden.

Die Führungslaufbahn ist der Klassiker. Es handelt sich um den Aufstieg in der Hierarchie mit immer mehr unterstellten Personen und Organisationseinheiten. Diese Laufbahn ist notwendig für leitende Positionen.
Die erste Alternative ist die Fachlaufbahn, auch Expertenlaufbahn genannt. Man steigt im Salär und im Status auf, weil diese Personen ein immer höheres Fachniveau erreichen. Sie haben oft keine Untergebenen, sind aber ausgezeichnete Experten auf ihrem Gebiet. Das kann zum Beispiel bei Forschern und Entwicklern, bei Informatikexperten oder Fachleuten in Rechts- und Steuerabteilungen beobachtet werden. Sie sind für Firmen, Institutionen oder Ämter enorm wichtig.

Weiter gibt es die Projektlaufbahn: in zeitlich befristeten komplexen und innovativen Aufgabenbündeln, eben Projekten, können Fach- oder Führungsfunktionen übernommen werden. Diese Form ist in der Schweiz jedoch eher selten vertreten, da die Karriereschritte befristet und nicht definitiv sind. Wer jedoch mal befördert wurde, möchte diese Qualifikation in der Regel behalten und nicht wieder zurücktreten müssen. Da in der heutigen Zeit jedoch Projekte vermehrt an Bedeutung gewinnen, wird der Projektlaufbahn zukünftig eine immer grössere Bedeutung zukommen.

Moderne Firmen haben ohnehin verschiedene Laufbahnformen, welche sie miteinander kombinieren.

Wäre quasi eine Laufbahnplanung über die ganze Erwerbstätigkeit ein solcher Ansatz?

Ja, auf jeden Fall. Es gibt Institutionen, in denen über einen langen Zeitraum geplant werden kann. Viele Firmen planen bei den Abschreibungen von Gebäuden und Maschinen jedoch längerfristig als im Personalbereich. Beim Personal ist oft eine kurzfristige Planung zu beobachten, eine gute Personalentwicklung würde sich jedoch über mehrere Jahre hinwegziehen.

Ich nenne beispielsweise Berufssoldaten, Angehörige der Berufsfeuerwehr, Mitglieder von religiösen Orden. So weiss ein Berufsoffizier mit 35 Jahren, dass er mit 55 Jahren Oberst sein wird. Im Dominikanerorden wird den Angehörigen die Möglichkeit geboten, sich selbst weiterzubilden, nach Rom zu gehen, als Pfarrer und als Hochschuldozent zu wirken.

Auch bei Wissenschaftlern ist das möglich. In meiner rund 25jährigen Amtszeit als ordentlicher Professor hatte ich vier Sabbaticals. Das waren Forschungsfreisemester, Praxissemester oder Gastaufenthalte an einer ausländischen Universität. Bietet ein Arbeitgeber seinen Mitarbeitenden die Möglichkeit zur Ausbildung, Weiterbildung, interessanter Arbeit und Freizeit wie in Form eines Sabbaticals sind längerfristige Planungshorizonte möglich. Wer seinen Mitarbeitenden eine solche ideale Abwechslung bietet, kann langfristig mit motivierten Mitarbeitenden planen.

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