Jämmerliches

Fabian Schambron jammert natürlich nie. Wenn er es trotzdem einmal tut, hat er – wie alle, die jammern – nur die allerbesten Gründe. Einer davon ist das Gejammer anderer.

Ich verstehe es ja: Es haben nicht alle das Privileg, ihren Frust in Texte zu verpacken, die dann automatisch an mehr oder weniger wehrlose Verbandsmitglieder verschickt werden, und irgendwie muss man mit den Widrigkeiten des Lebens ja klarkommen. Die einen dreschen nach Feierabend auf Box-Säcke ein, die anderen fluchen leise vor sich hin, wenn ich mich erfreche, aus dem Zug auszusteigen, bevor Majestät einsteigen können; wieder andere verlagern die eigenen Probleme, indem sie anderen Probleme bereiten. (Ein Beispiel könnte hier jener Aargauer Politiker sein, der kürzlich beim kantonal angestellten Personal Lohnkürzungen von bis zu zehn Prozent forderte. Na, dann stehle ich mir eben einen Stellenanzeiger, um Geld zu sparen. Und vom steuergünstigen Aargau aus ist man sowieso innert weniger Zugminuten in einem jener Kantone, die kapiert haben, wie der Arbeitsmarkt funktioniert.) Es ist nicht schön, aber leider Teil unseres Alltags: Wir haben Probleme und müssen sie lösen oder zumindest mit ihnen umgehen – indem wir zum Beispiel über sie reden.

Wie eingangs gesagt, ich verstehe dieses Bedürfnis, bin aber seinen Auswüchsen nicht immer gern ausgesetzt. Aber ich will ja nicht jammern, denn Jammern ist eine der denkbar übelsten Strategien, um Ärger abzuleiten. Es geht mir auch keineswegs darum, die Jammerer und Nölerinnen anzugreifen, denn diese Leute haben nämlich viel Mitgefühl, das oft einfach nicht ganz über die eigene Hautoberfläche hinausreicht. Selbige Haut ist natürlich «schon seit Wochen einfach nur fürch-ter-lich trocken, aber das kommt vom ganzen Stress, alle Arbeit bleibt ja immer an mir hängen und die Arbeit, das habe ich im Internet gelesen, trocknet ja die Haut so grässlich aus, aber dagegen, also gegen die Arbeit, ist ja kein Kraut gewachsen, da wird uns immer mehr aufgedrückt und ich meine, also, ihr vom Verband macht da nichts dagegen und ich finde sowieso, dass man da also viel lauter sein müsste, dann würde also schon etwas passieren, und passieren muss also endlich etwas, aber euren Mitgliederbeitrag, der also viel zu hoch ist, den kann ich mir nicht leisten wegen all der Hautcreme denn meine Haut ist ja so fürch-ter-lich trocken, das kommt vom ganzen Stress» – und so weiter.

Interessant ist, dass kein Nöler und keine Jammerin nach eigenen Angaben wirklich jammern will: «Ich will mich ja nicht beschweren, aber meine Haut ist wirklich etwas trocken und gewisse Leute» – böser Blick in meine Richtung – «machen sich auch noch darüber lustig, aber mit mir kann man es ja machen, es bleibt ja ohnehin immer alles an mir hängen, deshalb ist ja auch meine Haut so fürch-ter-lich trocken!» Man will sich nicht beschweren, sondern man «stellt einfach fest» oder man findet, es müsse «einfach einmal gesagt» werden. «Ich bin ja kein Rassist, aber», sagt jeder Rassist, und genauso ist jeder Jammerer eigentlich «niemand, der viel jammert, aber die Haut ist einfach fürch-ter-lich trocken.» Aber ich will ja nicht jammern, denn Jammern wäre Gift für meine eigene Haut. Und die ist nämlich ohnehin schon zu trocken! Was Jammernde eben missverstehen, ist die Tatsache, dass meine Haut noch viel trockener und meine Probleme viel dringlicher sind – also geht doch irgendwo heulen und lasst mich in Ruhe. Ich beschwere mich ja selten, aber das musste jetzt einfach mal gesagt werden.

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