Schnelle Schweizer

Muss das sein? Ist es tatsächlich so, dass uns im Zeitalter aller erdenklichen Bequemlichkeiten und Arbeitserleichterungen unsere Arbeit krank macht? Martin Kleinmann diagnostiziert eine Besorgnis erregende Entwicklung. Die Betriebe müssen – sei es aus menschlichen Gründen, sei es aus Kostengründen – früher oder später reagieren, wenn immer mehr Angestellte an Burnout leiden. In Deutschland gibt es bereits vereinzelt Unternehmen, die es ihren Mitarbeitern nach Arbeitsschluss technisch verunmöglichen, Mails zu beantworten, etwa, BMW, Daimler oder VW – das mag Symptombekämpfung sein, aber immerhin.

Der Schweizer HR-Barometer, ein Kooperationsprojekt der Universität Zürich, der ETH Zürich und der Universität Luzern, das regelmässig repräsentativ erfasst, wie Arbeitnehmende ihre Arbeitssituation wahrnehmen, befasst sich unter anderem mit dem Phänomen des Burnouts. Auch diese Stichproben stellen eine Zunahme bei Angestellten fest. «Je höher das Arbeitspensum und die Arbeitsmenge, desto stärker ist die emotionale Erschöpfung», deutet Anja Feierabend, Projektleiterin des Schweizer HR-Barometers, die Erhebung.

Bekömmliche Teilzeitarbeit

Gibt es überhaupt bekömmliches Arbeiten? Lässt sich der Teufelskreis durchbrechen? Der Schweizer HR-Barometer deutet auf einen möglichen Ausweg hin: Denn Arbeitnehmende mit Teilzeitpensum klagen weniger über emotionale Erschöpfung. Tatsächlich gebe es einen Trend zur Teilzeitarbeit bei den jüngeren Arbeitnehmern, erklärt Anja Feierabend. Sie ziehen ein 80- oder 90-Prozent-Pensum der Vollzeitarbeit vor. Wenn das Lebenszentrum nicht ausschliesslich in der Arbeit verortet wird, lässt sich auch besser mit der psychischen Gesundheit haushalten, so die Vermutung.

Drei weitere Faktoren, welche die Stressresistenz unterstützen, werden im Schweizer HR-Barometer ersichtlich: Wer Freiräume hat, sich autonom fühlt und seine Karriere in die eigenen Hände nimmt, kann Belastungen besser ertragen. «Möglicherweise hat ein solcher Arbeitnehmer eine gesunde Distanz zum Arbeitgeber und kann sich dadurch besser abgrenzen», sagt Bruno Staffelbach, Professor für Betriebswirtschaftslehre, Mitinitiator und Herausgeber des Schweizer HR-Barometers.

Und sollte es mit der Arbeitszeitreduktion nicht getan sein – gibt es eine Technik, eine Strategie, wie man die Anforderungen der beschleunigten Arbeitswelt erfolgreich meistern kann? Der Arbeitspsychologe Martin Kleinmann setzt auf Selbstorganisation der Arbeitnehmenden. Die Organisation und das Management des Selbst und der Zeit können ein Ausweg aus dem Teufelskreis sein, oder zumindest das Tempo stabilisieren und einem eine Verschnaufpause ermöglichen.

Allerdings ist das gar nicht so einfach. Es gibt nämlich einige Faktoren, mit denen wir unser subjektives Zeitgefühl unterlaufen. Ein verbreitetes Phänomen ist etwa, dass wir unterschätzen, wie lange wir für eine bestimmte Aufgabe brauchen. Auch neigen wir dazu, nicht Nein sagen zu können. Kommt eine Kollegin mit der Bitte, das Redigieren eines Dossiers zu übernehmen, sagen wir lieber anstandshalber zu, als an das eigene Zeitbudget zu denken. Ein weiteres Problem ist, dass wir Aufgaben, die wir erst in ferner Zukunft erledigen müssen, eher annehmen, als wenn die Aufgabe unmittelbar bevorstehen würde, obwohl der Zeitaufwand genau gleich bleibt.

Das A und O sei, die Arbeit einzuteilen, sich kurzfristige und langfristige Ziele zu setzen, sagt Kleinmann. Das kann zum Beispiel am Morgen auf dem Weg zur Arbeit sein, indem man sich einen Tagesplan in die Agenda schreibt, oder im Büro, wo an der Wand ein Monats- oder Jahresplaner hängt. Verbindlicher wird es, wenn wir unsere Ziele öffentlich formulieren, also beispielsweise der Kollegin in der Kaffeepause verraten, was wir heute Nachmittag erledigen werden.

Landkarte der Zeit

Strategien, wie sich die Zeit managen lässt, sind in der Arbeitswelt erst wenig verbreitet. Doch immer mehr Unternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt und schicken ihre Angestellten in Schulungen und Weiterbildungskurse, damit sie Techniken zur Hand haben, um sich vor dem steigenden Leistungsdruck zu schützen.

Wer sagt denn überhaupt, dass wir so verhetzt durchs Leben rennen müssen? Alles ist relativ. Das Lebenstempo ist auch kulturell geprägt. Kleinmann verweist auf die lesenswerte Untersuchung von Robert Levine «Eine Landkarte der Zeit». Der amerikanische Psychologe unternahm den Versuch, die Lebenstempi verschiedener Kulturen zu messen. In 31 Ländern führte er jeweils ausgefallene Experimente durch. So verglich er die Geschwindigkeit, mit der die Fussgänger bei Sonnenschein 20 Meter Gehweg zurücklegten, stoppte, wie lange der Kauf einer Briefmarke auf einer Poststelle dauerte, und verglich die Genauigkeit öffentlicher Uhren.

Pünktlichkeit per Gesetz

So konnte er das Lebenstempo in unterschiedlichen Ländern feststellen. An der Spitze der Ranglisten in Sachen Lebenstempo liegen die Schweiz, Deutschland, Japan und Irland, gefolgt von einigen asiatischen Staaten. In nichtindustrialisierten Ländern in Afrika und Lateinamerika hat man es weniger eilig. Levines Konklusion ist, dass jedes Lebenstempo seine Vor- und Nachteile hat und einen entsprechenden Preis fordert. Das beschleunigte Leben in den hochindustrialisierten Ländern ermöglicht einen hohen Wohlstand. Andererseits scheint an den «schnellen Orten» selbst der Herzschlag schneller getaktet zu sein, so dass die Wahrscheinlichkeit, hier einen Herzinfarkt zu erleiden, erhöht ist. Doch auch die «langsamen Orte» sind nicht zwingend entspannter, etwa wenn alle notorisch zu spät kommen. Deshalb wurde in Bolivien diskutiert, ob ein Gesetz zur Pünktlichkeit eingeführt werden müsste.

Quelle: UZH MAGAZIN, Nr. 4 2017

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