Es muss eine neue Alterskultur entstehen

Interview mit Prof. em. Dr. Norbert Thom

Trifft es überhaupt zu, dass ältere Arbeitnehmende «vorsichtiger» sind, dem Neuen gegenüber nicht aufgeschlossen?

Ja, sie haben in der Tendenz eher ein bewahrendes Verhalten. Das ist eine Aussage, die für die ganze Kohorte (Altersgruppe) gilt. Im Einzelfall kann es natürlich anders sein.

In welchen Bereichen müssten neue betriebliche Konzepte geschaffen werden?

Ich halte drei Bereiche für besonders wichtig: neue Arbeitszeitmodelle, differenzierte Laufbahnkonzepte und Weiterbildung in allen Lebensphasen. Mehr Flexibilisierung – beispielsweise bei der Pensionierung – wäre ebenfalls wünschenswert.

Wären neue Arbeitszeitmodelle wie zum Beispiel die gleitende Pensionierung ein Lösungsansatz?

Ja, die gleitende Pensionierung ist ein guter Ansatz. Das Zufahren auf eine starre Pensionsgrenze ist ungesund – es sollte nicht mit Vollgas auf den Berufsschluss zugehen und danach ist dann einfach alles fertig. Der Pensionierungsprozess kann sich über einen längeren Zeitraum hinziehen, das wäre ideal. Es kann zum Beispiel das Pensum reduziert werden oder auch Arbeitseinsätze – im Rahmen eines Projekts oder als Stellvertreter – nach dem ordentlichen Pensionsalter wären eine gute Alternative.

Kommt dabei dem Arbeiten über das Pensionsalter hinaus mehr Bedeutung zu?

Ja, aber das soll freiwillig geschehen. Ausserdem ist nach Berufsgruppen zu unterscheiden. Der Arbeitsalltag sieht für einen Dachdecker anders aus als für einen Oberrichter oder Professor, weshalb auch die Bedürfnisse in Bezug auf die Pensionierung unterschiedlich sind.

Gibt es neue Karrieremodelle, welche den Bedürfnissen von Arbeitnehmenden 55plus besser gerecht werden könnten?

Ja, ein gutes Beispiel ist die «Bogenkarriere». In der Schlussphase kommt es dabei zu einem bewussten Rückschritt. Eine Person scheidet zum Beispiel aus einer anspruchsvollen sowie kräftezehrenden Führungsposition aus und wechselt in eine interne Beraterrolle oder ist als Sonderbeauftragter oder mit einer ähnlichen Bezeichnung noch in seinem Fachgebiet tätig. Bei einer Bogenkarriere können sich Arbeitnehmende gegen Ende ihres Erwerbslebens so auf ihre fachliche Arbeit konzentrieren. Wichtig ist dabei, sich nicht in die Arbeit des Nachfolgers einzumischen.

Weshalb sieht man Bogenkarrieren selten?

Oft wird dieses Arbeitsmodell noch als Degradierung missverstanden, die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Karrierevariante ist bisher nicht gross. So wollen zum Beispiel bei der Polizei oder beim Militär alle bis zum Karriereende aufsteigen – alles andere würde in dieser Berufsgruppe als diskriminierend empfunden werden.

Eine Bogenkarriere ist zum Nutzen der Betroffenen, weil Führungsfunktionen sehr anstrengend und kräftezehrend sind. Viele wären im Alter fachlich noch sehr leistungsfähig, wenn sie die zusätzliche Belastung einer Führungsaufgabe nicht hätten.

Hierzulande ist klar die Führungskarriere am beliebtesten, da sie im Organigramm für alle sichtbar ist. Die Mentalität unserer Leistungsgesellschaft auf Biegen und Brechen bis zum Schluss durchzuhalten, steht manchmal einer besseren Lösung wie vorhin erwähnt leider im Weg.

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