Es muss eine neue Alterskultur entstehen

Interview mit Prof. em. Dr. Norbert Thom

Arbeitnehmende über 55 Jahren verlieren – verglichen mit ihren jüngeren Kolleginnen und Kollegen – seltener ihren Job. Geschieht es dennoch, ist die Suche nach einer Anstellung für sie massiv mühsamer als für jüngere Arbeitsuchende.

 Arbeitnehmende 55plus suchen mehrere Monate länger, da sie sich vielerorts mit Vorurteilen gegenüber älteren Arbeitnehmenden konfrontiert sehen. Viele Arbeitgeber sehen nicht ihr Potential, sondern hohe Lohn- und Sozialversicherungskosten und vermeintliche Hindernisse für eine gute Zusammenarbeit. Unternehmen verpassen so, mit altersdurchmischten Teams, die sich in ihren Fähigkeiten ergänzen, einen Wettbewerbsvorteil zu schaffen.

ZV Info unterhielt sich mit dem ehemaligen Direktor des Instituts für Organisation und Personal der Universität Bern, Prof. em. Dr. Norbert Thom, darüber, welche Konzepte hilfreich wären und was notwendig ist, um die Situation von älteren Arbeitnehmenden in der Arbeitswelt bzw. im Arbeitsmarkt zu verbessern.

Wie schätzen Sie die Situation älterer, arbeitssuchender Arbeitnehmender auf dem heutigen Arbeitsmarkt ein?

Diese Frage ist relativ schwierig zu beantworten. Wer über 50 Jahre alt ist und eine neue Stelle suchen muss, braucht viel Zeit. Das heisst, er oder sie sucht mehrere Monate länger als jüngere Arbeitnehmer.

Woran liegt dies?

Manche Arbeitgeber wollen nicht mehr in ältere Personen investieren. Gleichzeitig sind Frühpensionierungen weit verbreitet.

Wo müsste Ihres Erachtens ein Umdenken bei den Arbeitgebern stattfinden?

Es muss eine neue Alterskultur entstehen. Ältere Angestellte führen beim Arbeitgeber zwar zu höheren Lohn- und Sozialversicherungskosten, aber sie haben ein Potential, das genutzt werden kann. Damit Arbeitnehmende 50plus mehr Wertschätzung erfahren, muss sich das Wertesystem der Entscheidungsträger ändern, denn ihre Annahmen, Vorurteile und Normen beeinflussen das praktische Handeln in den Betrieben. Viele Arbeitgeber haben leider ein Defizitbild von älteren Arbeitnehmenden im Kopf und im Gegenzeug keine positiven Erlebnisse, welche ihre Vorurteile widerlegen würden.

Kann man dagegen etwas tun?

Leider bringt man diese vorgefassten Meinungen und Bilder fast nicht weg. Helfen würde wohl eine Selbsterfahrung; also wenn diese Arbeitgeber selbst in eine Situation kommen, in der sie aufgrund ihres Alters weniger oder nicht wertgeschätzt werden.

Denn: Damit Arbeitnehmenden 50plus eine Chance gegeben wird, müssen die Entscheidungsträger selbst der Überzeugung sein, dass ältere Arbeitnehmende Potential haben.

In der Schweiz wird sich wohl die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative auf die Arbeitsmarktsituation älterer Arbeitnehmender – und auch Frauen – positiv auswirken. Durch den Inländervorrang sind Arbeitgeber gezwungen, das Potential in der Schweiz besser zu nutzen.

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